Der gemeinnützige Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V. bietet ein breites Suchthilfeangebot, das aus den Bedarfen der Betroffenen entwickelt wurde. Doch die Suchthilfe steht vor großen Herausforderungen. Im Gespräch berichtet die Geschäftsführerin Manuela Schulze von den Auswirkungen des Fachkräftemangels, der hohen Mietpreise und dem steigenden Kostendruck. Wenn nicht endlich besser unterstützt wird, droht die Schließung von Einrichtungen und der Wegfall vieler Hilfsangebote.

Manuela Schulze ist Geschäftsführerin des Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V.

Was macht die gemeinnützige Arbeit des Tannenhofs Berlin-Brandenburg e.V. besonders?

Unsere gemeinnützige Arbeit beim Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V. zeichnet sich dadurch aus, dass wir unsere Einrichtungen und Hilfsangebote basierend auf den Bedürfnissen der Betroffenen in Berlin entwickelt haben. Durch unsere Arbeit mit suchtkranken Eltern haben wir erkannt, dass es einen Bedarf an spezifischen Angeboten für diese Zielgruppe gibt. Wir haben z.B. festgestellt, dass Menschen einen sicheren Rückzugsort benötigen, was zum Aufbau unseres betreuten Wohnens geführt hat.  In der Arbeit mit Familien wurde zunehmend deutlich, dass auch die Kinder Unterstützung benötigen, da sie nicht in den regulären Schulbetrieb integriert werden, keinen gewöhnlichen Hort besuchen und teilweise nicht in ihren Familien verbleiben konnten. Alle unsere Angebote haben sich also praktisch aus den Bedürfnissen der Betroffenen heraus entwickelt und bilden ein umfassendes Netzwerk von Hilfsangeboten und Einrichtungen.

Wie beziehen Sie Betroffene in Ihre Arbeit ein?

Ein wesentlicher Aspekt unserer Arbeit besteht darin, herauszufinden, in welchen Bereichen Unterstützung benötigt wird - sei es im Bereich der Therapie, Beratung, Wohnungsversorgung, der Eltern-Kind-Arbeit, der Ausbildung oder der ambulanten Betreuung. Zudem haben wir eine lange Tradition in der Zusammenarbeit mit Selbsthilfevereinigungen im Bereich der Suchthilfe. Von Anfang an haben wir erkannt, dass Betroffene eine wichtige Rolle spielen. Die Kombination aus professionellen Helfern und Helfern aus dem Selbsthilfebereich ist von großer Bedeutung. Bei uns arbeiten viele ehemals Betroffene mittlerweile als Mitarbeitende, was nachvollziehbar ist, da sie aufgrund ihrer eigenen Erfahrungen eine besondere Motivation haben, anderen zu helfen. Dies verleiht ihnen eine außergewöhnliche Glaubwürdigkeit, insbesondere gegenüber Menschen, die noch auf dem Weg der Genesung sind und möglicherweise Zweifel haben. Ein Therapeut kann zwar professionelle Unterstützung bieten, aber ein Betroffener stellt eine einzigartige Form der Unterstützung dar. Dieses Modell verdeutlicht, dass es möglich ist, sich von einer Abhängigkeit zu befreien. Viele unserer ehemals betroffenen Mitarbeitenden haben bei uns eine Ausbildung absolviert oder sich anderweitig weiterqualifiziert, zum Beispiel als Erzieher oder Sozialarbeiter. Darüber hinaus gibt es einige, die uns ehrenamtlich unterstützen, entweder aufgrund ihres Alters oder einfach aus dem Wunsch heraus, uns zu unterstützen.

Warum stehen gemeinnützige Einrichtungen in diesen Zeiten unter Druck?

Eine der größten Herausforderungen, mit denen wir konfrontiert sind, ist der Fachkräftemangel. Es gibt einfach zu wenig qualifizierte Menschen, die in der Suchthilfe arbeiten möchten. Dadurch entsteht ein Wettbewerb um vorhandenes Personal, der uns als gemeinnützige Organisation benachteiligt, da wir in der Regel keine tariflichen Gehälter finanziert bekommen, um mit den finanziellen Möglichkeiten anderer Arbeitgeber mithalten können. Insbesondere in der Rehabilitation ist dies ein Problem, da Vergütungssätze nicht kalkuliert, sondern frei verhandelt werden müssen. Wir sind in einer schwierigen Situation, da wir nicht die rechtliche Grundlage oder finanzielle Mittel haben, um tarifliche Gehälter zu zahlen. Eine zusätzliche Herausforderung in einem Bereich, der sehr anspruchsvoll und nicht für jeden geeignet ist. Wir kämpfen gemeinsam mit den Fachverbänden und Leistungsträgern darum, diese Ungerechtigkeit zu beheben.

Eine weitere Herausforderung ist der steigende Kostendruck. Dies betrifft sowohl die gerechte Bezahlung unserer Mitarbeitenden, als auch die steigenden Mieten, Inflation und Energiepreise. Besonders die Mietkosten und die Verfügbarkeit von Immobilien in Städten bereiten uns große Sorgen. Als gemeinnützige Organisation ist es immer schwieriger, bezahlbare Immobilien zu finden, um unsere Hilfsangebote aufrechtzuerhalten oder neue anzubieten. Am Ende müssen wir unsere Hilfeleistungen einschränken, da es an qualifiziertem Personal und bezahlbaren Immobilien fehlt. Diese Situation ist nicht nur eine Herausforderung, sondern für viele gemeinnützige Organisationen fast schon eine Existenzfrage. Einrichtungen werden schließen und es wird zu einem Verlust von Hilfsangeboten kommen, da die Unterstützung einfach nicht ausreicht!

Gleichzeitig sind sich Expert*innen einig, dass seit der COVID-19-Pandemie psychische Erkrankungen und Suchterkrankungen zugenommen haben. Im Bereich der Kinder- und Jugendtherapie gibt es nicht genügend Therapieplätze und bei Erwachsenen, die oft länger durchhalten können, wird sich dieses Problem bald ebenfalls bemerkbar machen. Ein zentraler Aspekt von Suchterkrankungen ist, dass Hilfe oft erst sehr spät in Anspruch genommen wird. Bereits jetzt sehen wir eine alarmierend hohe Anzahl von Drogentoten, mit denen wir niemals gerechnet hätten. Diese Entwicklungen bereiten uns große Sorgen und verstärken den Druck auf gemeinnützige Einrichtungen wie unsere

Was kann zu einer Stärkung gemeinnütziger Einrichtungen beitragen?

Die Stärkung gemeinnütziger Einrichtungen ist letztendlich nur durch starke Fachverbände und Interessenvertretungen möglich. Wir engagieren uns selbst aktiv in Verbänden und Fachverbänden, da wir erkennen, dass wir alleine wenig bewirken können. Persönlich investiere ich einen Teil meiner Arbeitszeit, um meine praktische Expertise in diese Verbände einzubringen und unsere Anliegen dort zu vertreten. Ich bin überzeugt, dass wir uns nur durch die Zusammenarbeit vieler Einrichtungen und deren Interessenvertretung in Verbänden unsere Anliegen gegenüber der Politik und bei den Leistungsträgern Gehör verschaffen können. 

 

Wir benötigen dringend ein gleichberechtigtes Forum, in dem Verhandlungen stattfinden. Gemeinnützige Träger sollten Mitspracherecht bei der Vergütung haben, da diese die Bezahlung unserer Mitarbeitenden und die Deckung der Mietkosten umfasst. Im Bereich der Rehabilitation gibt es bereits das digitale Rentengesetz, das erstmals eine transparente Vergütung regelt. Es wurde gesetzlich festgelegt, dass Verbände als Interessenvertreter der Leistungserbringer eingebunden werden müssen und dass ein Vergütungsmodell nicht einseitig festgelegt werden darf. Zudem ist nun gesetzlich verankert, dass eine tarifliche Bezahlung berücksichtigt und finanziert werden muss. Diese gesetzlichen Grundlagen sind von großer Bedeutung, da sie uns eine rechtliche Grundlage bieten. Sie schaffen eine Form der Gleichberechtigung, die auch für die Zukunft im sozialen Bereich von entscheidender Bedeutung sein wird. Die nächste Stufe wäre die Einrichtung von Schiedsstellen, die bei Verhandlungen eingreifen und vermitteln können, und auf die wir Anspruch haben sollten.

Wieso braucht es einen Vorrang gemeinnütziger Dienste und Einrichtungen?

Es handelt sich um Leistungen, auf die Menschen einen Anspruch haben, da sie gesetzlich vorgeschrieben sind und von gemeinnützigen Trägern erbracht werden. Wenn wir uns fragen, warum gemeinnützige Unternehmen dies in so großem Umfang tun, müssen wir uns klarmachen, was die Alternative wäre. Schon jetzt erbringen gewinnorientierte Unternehmen diese Leistungen zunehmend, auch im Bereich der Rehabilitation. Die Frage wäre dann, was machen Gemeinnützige besser oder anders? Eines ist offensichtlich: Wir sind nicht gewinnorientiert. Das bedeutet, dass wir soziale Leistungen nicht nutzen, um Gewinne zu erzielen. Dies ist aus ethischer Sicht eine wichtige Frage, ob wir es zulassen möchten, dass mit sozialen Hilfen und Hilfsmaßnahmen für Menschen Gewinn erzielt wird und welche Auswirkungen dies hat.

Ein weiterer Vorteil gemeinnütziger Organisationen besteht darin, dass sie aufgrund ihrer Entwicklung sehr flache Hierarchien haben und stärker auf Zusammenarbeit und Teamarbeit setzen. Meine Erfahrung ist, dass die Arbeit in gemeinnützigen Organisationen eher von Gleichberechtigung geprägt ist. Das kann vielleicht nicht pauschalisiert werden, aber es besteht eine große Vernetzung, da wir im Netzwerk arbeiten und gemeinsam eine Hilfsstruktur bereitstellen.

Außerdem finde ich es bemerkenswert, dass die Arbeit zwischen verschiedenen Organisationen nicht stark von Konkurrenz, sondern eher von gemeinsamen Interessen geprägt ist. Dies hat sich während der Corona-Zeit noch verstärkt, da wir alle gemerkt haben, dass wir uns in der gleichen Situation befinden. Ich glaube auch, dass Menschen, die in gemeinnützigen sozialen Organisationen tätig sind, eine eigene Motivation haben. Es ist ihnen wichtig, dass sie nicht einfach nur irgendeine Arbeit verrichten, sondern genau diese Arbeit machen, mit Menschen und einem bestimmten Sinn dahinter. Das hat Zukunft! Es gibt immer mehr Menschen, die in das Berufsleben eintreten und genau daran interessiert sind. Das macht mich zuversichtlich, dass wir nicht einfach verschwinden werden, weil diese Tätigkeiten nicht leicht zu ersetzen sind. Das ist auch für junge Menschen wichtig.

 

Das Interview führte Lilly Oesterreich


Mit der Kampagne #EchtGut - Vorfahrt für Gemeinnützigkeit, vermittelt der Paritätische Gesamtverband seit Anfang 2021 das Thema Gemeinnützigkeit. Nach zahlreichen Vorträgen, Publikationen und Informationsmaterial, porträtiert der Verband nun in einer Beitragsreihe soziale gemeinnützige Mitgliedsorganisationen. Wie gestalten, leben und zelebrieren die Organisationen ihre Gemeinnützigkeit? Wie zeigen sich gemeinnützige Strukturen in der Zusammenarbeit mit Betroffenen und Ehrenamtlichen und welchen Herausforderungen und Chancen begegnen gemeinwohlorientierte Einrichtungen in der heutigen Zeit?

Hier können Sie den Steckbrief des Tannenhof Berlin-Brandenburg e.V. als PDF herunterladen.

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Portrait von Lilly Oesterreich

Lilly Oesterreich

Lilly Oesterreich ist Projektreferentin für Digitale Kommunikation beim Paritätischen Wohlfahrtsverband Gesamtverband in Berlin. Sie betreut die Paritätische Mitgliederplattform #WirSindParität.

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