Um soziale und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen, speziell in einer strukturschwachen Region in Mecklenburg-Vorpommern, zu ermöglichen, bildet der Verein Humanitas-Müritz Senior*innen und Menschen mit Beeinträchtigungen zu digitalen Medien weiter.

Klaus Heidrich, Vorsitzender von Humanitas Müritz e.V. © Humanitas Müritz e.V.

„Für jedes Problem gibt es eine Lösung“, sagt Klaus Heidrich optimistisch und blickt durch seine schmale Brille auf den Bildschirm seines Computers ins World Wide Web. Das Internet eröffnet dem 69-Jährigen und seinem Verein Humanitas Müritz e.V. seit vielen Jahren unbegrenzte Möglichkeiten – unbegrenzte Möglichkeiten der Teilhabe. Man müsse sie nur nutzen, meint der Vereinsvorsitzende.


Der Verein Humanitas-Müritz setzt sich aber nicht nur für digitale Medien ein, sondern in erster Linie für Senior*innen und Menschen mit Behinderungen. In einem alten Gutshaus im idyllisch gelegenen Örtchen Neu Schloen an der Mecklenburgischen Seenplatte hat der Verein seinen Sitz. Hier, in dem 500-Seelen-Dorf, hat Heidrich sein Computerkabinett eingerichtet. „Wir waren hier ja quasi eingeschlossen“, meint der Vorsitzende des Vereins lächelnd. „Um soziale und gesellschaftliche Teilhabe älterer Menschen, speziell in einer strukturschwachen Region in Mecklenburg-Vorpommern, zu ermöglichen, wollten wir bei unserer Vereinsgründung 2009 bewusst die digitalen Medien in den Vordergrund stellen“, erzählt er. „Und die einzige Möglichkeit, mit der Welt in Verbindung zu treten, war das Internet.“


Preisgekrönt beim Thema Digitalisierung und Alter

Das Internet bietet älteren Menschen zahlreiche Chancen, doch vielen fällt der Einstieg in die digitale Welt schwer. Ihnen den Umgang mit digitalen Medien nahe zu bringen ist Heidrichs Bestimmung. Das macht er mit großer Motivation, viel Energie, Enthusiasmus und vor allem mit Erfolg und preisgekrönt. Er gründete die „Schloener Online Füchse“. Sein Vorzeigprojekt.


Die Schloener Online Füchse sind Leuchtturm der BAGSO 2018, Preisträger des Goldenen Internetpreises 2017 und der Google Impact Challenge 2016. Seit 2010 treffen sich Menschen zwischen 50 und über 90 Jahren mit gesundheitlichen Beeinträchtigungen jeden Mittwoch von 9 bis 12 Uhr im Gutshaus, um sich in der digitalen Welt weiterzubilden und zu bestimmten Themen auszutauschen. Wo kann ich online einkaufen, wenn ich nicht mobil bin? Woher bekomme ich eine Fahrkarte, wenn im Ort kein Automat vorhanden ist? „Viele unserer Teilnehmer sind gesundheitlich eingeschränkt. Durch die Treffen in der Gruppe und mit Hilfe der digitalen Möglichkeiten kommen sie ein Stück aus ihrer Einsamkeit heraus und erfahren neue Lebensfreude“, so Heidrich, der die Treffen leitet. Wichtig sei die Freude an den digitalen Medien. „Wir wollen keine Spezialisten ausbilden, aber die Möglichkeit anbieten, die digitalen Medien zu nutzen, um den Alltag zu erleichtern.“

Die Online-Füchse bringen ihre eigene Technik mit. Doch um diese alle ans Netz zu kriegen, war es ein langer Weg, erzählt der Vereinsvorsitzende. Sein Kampf um schnelles Internet in Neu Schloen dauerte rund drei Jahre. In allen Haushalten der Gemeinde habe er Unterschriften gesammelt. „Weil alle mitgemacht haben und zusammenhalten, haben wir jetzt schnelles Internet“, berichtet Heidrich stolz. Solidarität sei eben wichtig, auch in der Gruppe der Online Füchse. „Wenn jemand ein Problem hat, fragt er die Gruppe. Irgendeiner kann immer helfen.“ Wenn das Problem zu groß sei, hole man sich online professionelle Hilfe vom Projekt „Digital-Kompass“ der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO). Diese vertritt die Interessen der älteren Generationen in Deutschland und unterstützt IT-Projekte mit dem Ziel, digitale Medien und ältere Menschen zusammenzubringen. Auch die Online Füchse werden durch das Projekt gefördert.

In der Durchführung von Videokonferenzen sind sie fit, die Füchse aus Neu Schloen. Neben ihren Treffen am Mittwoch finden noch zahlreiche digitale Lernangebote statt, Stammtische zum Beispiel zu bestimmten Themen, wie Fragen rund um den Verbraucherschutz im Internet. „Die Anfänger kommen montags, freitags bieten wir eine Tablettschulung. Die bietet der Verein auch in Pflegeheimen an. „Gerade in den Wochen des coronabedingten Lockdowns war das ein Segen für die Bewohner und ihren Angehörigen, dass sie online Kontakt halten konnten“, so Heidrich. Auch die Beratungen, die der Verein anbietet, können in Krisenzeiten stets online durchgeführt werden.

Jeden letzten Mittwoch im Monat werden neue Interessenten zu einem gemeinsamen Frühstück eingeladen. Hier würden auch neue Ideen entwickelt für die Zukunft der Online Füchse. Denn das Projekt läuft Ende 2021 aus. Heidrich ist optimistisch, dass es weitergeht. „Wir haben mit dem Internet die ganze Welt zur Verfügung und würden gerne noch viele weitere ältere Menschen auf dem Weg in die digitale Welt begleiten und auf diese Weise auch einfach Kontakt halten auf dem Land.“

Die 100 Mbit/s Verbindung für eine bessere Vernetzung hat er nicht nur für seine Senior*innen erkämpft, sondern für eine ganze Gemeinde: Neu-Schloen ist der einzige Ort weit und breit mit einem schnellen Internetanschluss und zieht damit Menschen aus dem gesamten Umland an. Entgegen dem allgemeinen Trend der Abwanderung finde hier Zuwanderung statt, freut sich Heidrich.

Doch was dem Verein fehlt, sind Mitstreiter. Ehrenamtliche, die die Schloener Online-Füchse dabei unterstützen, die Angebote durchzuführen. Und natürlich finanzielle Unterstützung. Doch Klaus Heidrich ist ein Macher und Netzwerker. Er hat viel geschafft für den Verein und die Region. Seine Online-Füchse sind längst über die Mecklenburger Seenplatte hinaus bekannt. Er wird dafür sorgen, dass sich noch viele ältere Menschen im ländlichen Raum begegnen, im Gutshaus oder digital. Denn für jedes Problem gibt es eine Lösung.


Das Verbandsmagazin "Stadt und Land" des Paritätischen Gesamtverbandes © Der Paritätische

Dieser Artikel ist im Verbandsmagazin "Stadt und Land" des Paritätischen Gesamtverbandes erschienen.

Wer mit offenen Augen durch unsere Städte geht, findet sie häufig: Einrichtungen der Wohlfahrt. Beratungsstellen, Kitas oder Senior*innenheime. Sie gehören ins Stadtbild. Aber wie sieht es in dünn besiedelten Gebieten aus? Darum dreht sich alles in der aktuellen Ausgabe unseres Verbandsmagazins "Stadt und Land."

Wir besuchen Internetkurse für Ältere, Arbeitsmarktinitiativen, Drogenhilfe und Schwangerschaftsberatungen - alles im ländlichen Raum. Wir fragen nach, welche Vor- aber auch Nachteile das Paritätische Arbeiten jenseits der Metropolen haben kann. Wir interviewen Paritäter*innen aus den Landesverbänden und Mitglieder aus der Migrationsberatung und stellen uns die Frage nach der kommunalen Daseinsvorsorge.

Außerdem berichten wir über Housing First, warum kleinere Krebsberatungsstellen aufatmen können und Inklusion in Corona-Zeiten besonders wichtig ist. Es gibt Details zur Kampagne "Hartzfacts"  und Neuigkeiten von unserem Digitalisierungsprojekt. Und natürlich informieren wir auch wieder über wichtige Termine und Neuerscheinungen.

2 Kommentare

Sabine Wolfschrieb01.09.2020

Ein schönes Portrait über einen tollen Verein! Der Direktlink zum Digital-Kompass lautet übrigens www.digital-kompass.de Da wird auch deutlich, dass wir ein Verbundprojekt sind, zu dem auch Deutschland sicher im Netz und Verbraucher-Initiative gehören :)

Peter-Michael Seilerschrieb01.09.2020

Ich habe selbst positive Erfahrungen bei den Schlöner Online-Füchsen gemacht. Ich würde älteren Bürgern empfehlen, diese Bildungseinrichtung zu nutzen. Auch der Kontakt zu anderen Menschen ist sehr wichtig.

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Stephanie Böskens

Stephanie Böskens ist Referentin für Presse- und Öffentlichkeitsarbeit und Migration beim Paritätischen Mecklenburg-Vorpommern.

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