Das Projekt A: aufklaren des Paritätischen Landesverbandes Hamburg hat 13 Bitten von Kindern psychisch erkrankter Eltern zur Arbeitsgrundlage und zur eigenen Mission erklärt. In Deutschland haben ca. 3,8 Millionen Kinder einen vorübergehend oder dauerhaft psychisch erkrankten Elternteil. Sie benötigen Aufmerksamkeit, Platz für ihre Wahrheit, ein vertrautes Gegenüber und jemanden, der in der Nähe bleibt.

“Sucht uns – hinter unseren Eltern.
Findet uns – obwohl wir lächeln.
Sprecht uns an.
Bewertet unsere Eltern nicht.
Sagt nicht: „Du musst jetzt deinen Eltern helfen!“
Seid offen und ehrlich mit uns.
Sprecht mit uns über Hilflosigkeit und Ohnmacht.
Versprecht keine Heilung – bleibt lieber in der Nähe.
Bezieht uns mit ein. Lasst uns mitentscheiden.
Sagt uns, dass wir alles richtig fühlen und bemerken, was uns schlimm und merkwürdig vorkommt.
Sagt uns, dass wir tolle Kinder sind.
Spart euch euer Mitleid, das macht uns klein.
Steht uns bei, denn das macht uns stark.”

Das Projekt A: aufklaren des Paritätischen Landesverbandes Hamburg hat diese Bitten befragter Kinder psychisch erkrankter Eltern zur Arbeitsgrundlage und zur eigenen Mission erklärt. „Diese Kinder brauchen Aufmerksamkeit, Platz für ihre Wahrheit, ein vertrautes Gegenüber und jemanden, der in der Nähe bleibt“, so Carolin Becker, Initiatorin eines Teams des im August gestarteten Projektes und Referentin beim Landesverband Hamburg. Und was brauchen die Eltern? Aus Sicht von Carolin Becker: zu allererst Entstigmatisierung. Psychische Erkrankungen sind Teil dieser Gesellschaft und gleichzeitig noch immer ein Tabu. Unter dieses Tabu fallen auch die Kinder, die mit ihren erkrankten Eltern den Alltag und ihr Leben meistern müssen. Die Eltern brauchen vor allem das, was das gesamte Familiensystem braucht. Dies kann sehr unterschiedlich sein. Ein Verständnis und ein guter Blick auf die Krankheit ist die Grundlage, um die individuellen Bedürfnisse der Kinder, der Eltern, des gesamten Familiensystems zu erkennen und gezielte Hilfen anzubieten.

In Deutschland haben ca. 3,8 Millionen Kinder einen psychisch erkrankten Elternteil

Die betroffenen Kinder können in ihrer Entwicklung beeinträchtigt werden und das Risiko, im späteren Leben selbst ein entsprechendes Krankheitsbild zu entwickeln, ist um ein 3-4-Faches erhöht. Allein in Hamburg wachsen circa 77.000 Kinder im Schatten der elterlichen Erkrankung auf. Sie müssen Depressionen, Psychosen und Persönlichkeitsstörungen ihrer – unter Umständen einzigen – Bezugsperson miterleben und sind den damit verbundenen Verhaltensweisen ausgesetzt. Das ist ganz klar eine Schätzung. Die Dunkelziffer, so Carolin Becker, ist mit Sicherheit höher. Es müssen nämlich weitere Faktoren in die Frage, wer betroffen sein könnte, einbezogen werden: so sind ein Viertel aller Haushalte in Hamburg Ein-Eltern-Haushalte, 10,3 Prozent der Hamburger beziehen Leistungen aus dem SGB II und 20,7 Prozent der Hamburger Jugendlichen bis 15 Jahre erhalten Leistungen zum Lebensunterhalt (Sozialhilfe). Das ist jedes fünfte Kind. Psychische Erkrankungen gehen häufig mit Armut einher. Sie führen zu brüchigen Familienstrukturen, Isolation und fehlender Teilhabe. Infolgedessen erleben Eltern und Kinder Gefühle von Überforderung und Ungenügen. Kinder übernehmen dann viel zu früh zu viel Verantwortung für den Haushalt, die Geschwister, die Wahrung des Tabus und für das Wohlbefinden der Eltern. Sie selbst kommen zu kurz.

Aus dieser Lebenslage befreien Kinder und ihre Eltern sich nur selten aus eigener Kraft. Deshalb ist es wichtig, darauf zu schauen, welche Personen und Akteure sich im Umfeld befinden. Für Hamburg setzt das Projekt auf Sensibilisierung und interdisziplinäre Vernetzung, um gezielte, schnelle und niedrigschwellige Hilfen für die Kinder anbieten zu können. Das Gelingt, wenn die Ebene der Fachkräfte im Sozialraum erreicht wird, also Fachkräfte Zugang zu Fachinformationen und ihr Wissen und Repertoire erweitert haben, handlungssicher sind und Kinder und Eltern ansprechen, sie gemeinsam und interdisziplinär arbeiten. Das Projekt bezweckt weiterhin, dass die Systeme in eine Vernetzungsstruktur münden: die Fallbearbeitung erfolgt mit Akteuren und Fachkräften aus mehreren relevanten Systemen, Fachkräfte aus mehreren Bereichen arbeiten an einem Fall zusammen, Hilfe-und Regelsysteme sind enger mit einander verbunden und neue Angebote und Projekte entstehen. Dabei soll das Kind immer im Mittelpunkt stehen. Einen brisanten Aspekt streut Carolin Becker mit ein. Eine Herausforderung aus ihrer Sicht ist, dass es auch unter den Fachleuten ein hohes Tabu und eine hohe Scham zum Thema psychische Erkrankung gibt. Nicht wenige sind selbst betroffen und haben eigene familiäre Erfahrungen gemacht. Ein Zusammenhang zwischen biografischer Erfahrung und Berufswahl ist nicht selten. Und doch fällt es auch den Fachleuten schwer, Zugang und Umgang zu dem Thema zu finden. „Da müssen wir ran! Das muss offen diskutiert werden. Auch dieses Tabu gilt es zu brechen.“ sagt sie.

Die politische Situation der betroffenen Kinder

Politisch ist die Situation der Kinder psychisch erkrankter Eltern auf allen Ebenen erkannt. Aus der Sicht Beckers fehlt es eben an verbindlichen Strukturen und die Rechte der Kinder werden zu wenig beachtet. „Die Kinder benötigen einen eigenen Rechtsanspruch auf Hilfe und Unterstützung. Am aller besten wäre eine eigens nur für Kinder und Jugendliche eingerichtete Anlaufstelle und Ansprechpersonen in allen Alltagsbereichen von Kindern, in der sie Beratung bekommen und entsprechende Hilfen eingeleitet werden.“ Wenn alles gut geht, könnte zumindest ein eigener Anspruch auf schnelle und unkomplizierte Hilfe ohne Antragserfordernis beim Jugendamt nun schon bald mit dem seit langem angekündigten Kinder- und Jugendstärkungsgesetz auf Bundesebene Realität werden. Auf Empfehlung der durch den Bundestag 2018 eingesetzten bundesweiten Arbeitsgruppe Kinder psychisch kranker Eltern findet sich in einem ersten noch nicht öffentlichen Entwurf zur Reform des Sozialgesetzbuches Acht ein entsprechender Vorschlag. Demnach soll eine Betreuung und Versorgung des im Haushalt lebenden Kindes die Familien unterstützen, bei denen 1. ein Elternteil, der für die Betreuung des Kindes verantwortlich ist, aus gesundheitlichen oder anderen zwingenden Gründen ausfällt, 2. das Wohl des Kindes nicht anderweitig, insbesondere durch Übernahme der Betreuung durch den anderen Elternteil, gewährleistet werden kann, 3. der familiäre Lebensraum für das Kind erhalten bleiben soll und 4. Angebote der Förderung des Kindes in Tageseinrichtungen oder in Kindertagespflege nicht ausreichen. Der zeitliche Umfang der Betreuung und Versorgung des Kindes soll sich nach dem Bedarf im Einzelfall richten. Diese Hilfe soll unmittelbar in Anspruch genommen werden können, also ohne vorherigen Antrag beim Jugendamt.

Damit wäre ein wichtiger Schritt zur schnellen und unmittelbaren Unterstützung von betroffenen Kindern eingeleitet. Weitere Schritte müssen folgen und vor allem braucht es nun gute Beispiele, wie ein nicht stigmatisierender Zugang zu den Kindern und ihren Familien gefunden und individuelle Hilfe erfolgen können. „Wir wollen genau hier ansetzen und mit dem Projekt eine Ausstrahlungswirkung in die Republik erreichen. Dabei leiten uns die 13 Bitten der Kinder psychisch erkrankter Eltern.“ so Carolin Becker. Eine klare Mission von A: aufklaren in Hamburg!


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Portrait von Juliane Meinhold

Juliane Meinhold

Juliane Meinhold ist Referentin für Kinder- und Jugendhilfe beim Paritätischen Gesamtverband.

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