Bei “Virtual Reality” werden viele unweigerlich an Science-Fiction denken. Aber virtuelle Räume finden auch heute schon Verwendung in realen Praxisfeldern und bieten vielfältige sowie spannende Möglichkeiten. Der Arbeiter-Samariter-Bund NRW e.V. möchte die ausgetretenen Pfade verlassen und nutzt die Technik in einem Projekt für Personalgewinnung in der Kinder- und Jugendhilfe. Projektleiterin Esther Finis stellte ihre Erfahrungen auf dem Digital-Festival vor.

Auf Erkundungstour in der virtuellen Umgebung. © ASB NRW e.V.

Es herrscht ein intensiver Wettbewerb um gute Fachkräfte in der Kinder- und Jugendhilfe. Soziale Einrichtungen und Organisationen wollen und müssen sich als attraktive Arbeitgeber positionieren und bewerben, was jedoch zuletzt durch die Corona Pandemie zusätzlich erschwert wurde. Besuche und Praktika in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie Messen oder Formate für die Berufsorientierung waren oft nicht ohne Weiteres umsetzbar Zudem hat die Pandemie den Fokus stark auf digitale Formate gelenkt und so gerade auch bei jüngeren Menschen neue und höhere Erwartungen an diese geweckt.

Auf Basis dieser Herausforderungen haben sich die Mitarbeitenden des Arbeiter-Samariter-Bund NRW Gedanken gemacht, wie man Berufsbilder bekannter und attraktiver gestalten und Informationen dazu möglichst authentisch und lebensnah digital aufbereiten kann. Auch ohne die altbewährten Methoden (wie Besuche oder Praktika) sollen Interessent*innen möglichst echte Eindrücke und ehrliche Antworten auf ihre Fragen bekommen. So kam der ASB NRW schließlich auf das Format “Virtual Reality”.

Um sich an das Format und seine Herausforderungen heranzutasten, begannen Esther Finis und ihr Team zunächst mit einem Pilotprojekt im Bereich Erste Hilfe. Die finanziellen und technischen Herausforderungen gingen dabei Hand in Hand, denn leider sind die Kosten und das nötige Know-How noch vergleichsweise hoch. Man benötigt geeignete Kameras, jemanden, der sie bedient, ggf. auch Schauspieler*innen. Auch die Endgeräte (VR-Brillen), die für die volle Erfahrung nötig sind, kosten Hunderte Euro pro Stück.

Mit einem geeigneten Partner konnte der ASB NRW diese Hürden jedoch soweit meistern, dass ein immersiver und interaktiver Erste-Hilfe Kurs gelang.

Dabei handelt es sich im Kern um ein 360° Video, in dem es möglich ist, sich frei umzusehen und den Protagonist*innen vorgegebene Fragen zu stellen. Diese Videos sind auch über eine reguläre Webseite verfügbar und interaktiv nutzbar, wenn man aber eine VR-Brille verwendet, taucht man tatsächlich in die Erfahrung ein und kann sich durch einfache Kopfdrehung frei in der Umgebung umschauen. Es entsteht das Gefühl, tatsächlich in einem Raum mit den Protagonist*innen zu sein, die einem in die Augen schauen und direkt zu einem sprechen.

Zusammen mit Proband*innen, die den virtuellen Kurs besucht haben, konnte man schnell die großartigen Vorteile des Formats feststellen: das Gefühl der Immersion, des Eingebettetseins in die virtuelle Umgebung. Dies bewirkt u.a. eine Aktivierung der Teilnehmenden, ein gesteigertes Merkvermögen und ein positives Grundgefühl. Der Erfolg lässt sich messen: z.B. haben die Teilnehmenden mehr Fragen gestellt als gewöhnlich.

Welches Berufsfeld passt zu dir? Der virtuelle Besuch in der Kita geht auch von Zuhause. © ASB NRW e.V.

Diese positiven Erfahrungen aus dem ersten Projekt wollte der ASB nutzen, um einen Schritt weiter zu gehen und das Format auch auf das eigentliche Thema Personalgewinnung anzuwenden. Dabei wurde die Zielgruppe von Anfang an in die Projektentwicklung einbezogen.

Statt eines Erste-Hilfe-Kurses wurden nun ganze virtuelle Rundgänge in verschiedenen Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe realisiert. So ist es möglich, eine KiTa, eine Schule, ein Jugendhaus oder ein Familienzentrum zu erkunden und den Schauspieler*innen (bei denen es sich um echte Mitarbeiter*innen oder Kinder und Jugendliche aus den Einrichtungen handelt) vorgegebene Fragen zu stellen. Dabei kommen sowohl die Erwachsenen als auch die Kinder und Jugendlichen zu Wort. Es sind zudem überall kleine Interaktionsmöglichkeiten und Informationsangebote in den Räumen versteckt, die man entdecken kann.

Wie nach den Erfahrungen mit dem ersten Projekt zu erwarten, waren Interessent*innen auch hier durch die Virtual-Reality Erfahrung augenscheinlich aktiver, interessierter und begeisterter, als man dies von üblichen Formaten und Messeauftritten kannte.

Ob nun von zuhause am PC oder mit VR-Brille: Um die Interessent*innen nach dem virtuellen Rundgang weiter zu begleiten, wurde auch die reguläre Internetpräsenz im Bereich Personalgewinnung verbessert und das Stellenportal erneuert. Neben einem Selbsttest  (“Welches Berufsfeld passt zu dir?”) wurde vor allem das Einreichen von Bewerbungen deutlich einfacher gestaltet und ist schließlich über eine einzige Seite und mit nur wenigen Schritten möglich. Unterstützt durch Werbung (über Social Media und Google Adwords) hat das Stellenportal Kinder- und Jugendhilfe so bis zu 50 Prozent mehr Besuche erhalten, von denen bis zu 60 Prozent auch Interesse an den Stellenanzeigen gezeigt haben (vorher: 15 – 20 Prozent). Auch von den 207 ausgefüllten Selbsttests hat über die Hälfte der Nutzer*innen sich bis zum Stellenportal weiter geklickt.

Der Arbeiter-Samariter-Bund NRW zeigt mit seinem Projekt auf, welch spannende Möglichkeiten und (teils messbare) Vorteile das Format Virtual-Reality bietet. Auch andere Berufsfelder, für die Personalgewinnung nach wie vor eine Herausforderung darstellt (wie z.B. Pflegeberufe), könnten von dem vielversprechenden Format profitieren und der ASB hofft, weitere Organisationen mit dem neuen Wissen um die virtuellen Welten unterstützen zu können.


Diese Veranstaltung des Paritätischen Gesamtverbands fand im Rahmen des Paritätischen Digital-Festivals 2022 statt.

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