Sich manchmal irgendwie lost und einsam zu fühlen, das gehört zur Pubertät und zum Erwachsenwerden dazu. Aber was macht es mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen, wenn sich dieses negative Gefühl immer öfter ein- und zusätzlich ein Virus den Alltag vollkommen auf den Kopf stellt? Beobachtungen und Eindrücke aus der Jugendsozialarbeit bei Gangway und Karame in Berlin-Mitte.

Teresa Fischer und Gelaal Zaher sind da, hören zu, bestärken, setzen positive Impulse und unterstützen die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mit denen sie arbeiten, dabei, Ressourcen zu entdecken und zu aktivieren. Sie meist unterwegs im Kiez als Streetworkerin für Gangway in Tiergarten, er als Erzieher in der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung Karame in Moabit. Gangway hilft seit 1990 Jugendlichen und jungen Erwachsenen auf den Straßen Berlins, Karame wurde bereits 1978 gegründet und bietet Kindern und Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund vielfältige Beteiligungsformate in den Bereichen kulturelle und historisch-politische Bildung. 

Wir haben mit Teresa und Gelaal über das Thema Einsamkeit bei jungen Menschen gesprochen und warum politische Aufforderungen wie „Bleiben sie Zuhause!“ während der Corona-Pandemie im Kontext ihrer Arbeit oft einen zynischen Beigeschmack haben.

„Die meisten Jugendlichen, die zu uns kommen, wachsen in der arabisch-palästinensischen Community in großen Familien auf. Da erscheint Einsamkeit erst mal irgendwie als Widerspruch“, sagt Gelaal Zaher. „Und kaum ein Jugendlicher kommt zu einem und sagt: Ich fühle mich einsam!“ Das Thema ist schambehaftet bestätigt auch Teresa Fischer und ergänzt: „Anders ist das bei jungen Menschen mit Fluchthintergrund, die seit 2015 unbegleitet nach Deutschland kommen bzw. gekommen sind, die verbalisieren ihre Einsamkeit häufig sehr offen.“

Schon bevor Corona auftauchte, hatten es viele der unbegleitet geflüchteten Jugendlichen und jungen Erwachsenen schwer. Die Sprachbarriere, Heimweh und ein eventuell unsicherer Aufenthaltsstatus sind große Belastungen, die das Ankommen in einer fremden Umgebung nicht einfach machen. Die Pandemie hat deren Situation zusätzlich verschlimmert. Denn Orte der sozialen Interaktion wie (Berufs-)Schule oder Integrationskurse fielen über viele Wochen weg und manchmal jede Alltagsstruktur. „Einige dieser Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben auch psychische Störungen entwickelt“, berichtet Teresa nachdenklich.

Eine Befragung der Uni Hildesheim im November 2020 hat gezeigt, dass sich junge Menschen, denen „Orte zum Abhängen“ fehlen, im Kontext der Corona-Pandemie psychisch belasteter fühlen. Mehr als ein Drittel der Befragten gaben an, dass die organisierten Freizeitaktivitäten im Bereich der offenen Jugendarbeit, an denen sie vor Ausbruch der Corona-Pandemie teilgenommen haben, weggebrochen sind. Mehr als ein Viertel veränderten aus Sorge vor dem Virus ihr Freizeitverhalten und nahmen vorhandene Angebote nicht oder zurückhaltender wahr.

„Wichtig ist uns immer und in der Pandemie noch mehr die Beziehungsarbeit. Da muss man halt kreativ werden“, sagt Gelaal. Gemeinschaftserlebnisse schaffen und ein Gefühl der Verbundenheit, darum geht es für ihn. Wie nötig das ist, zeigen auch die Ergebnisse der bereits zitierten Studie aus dem Herbst 2020, in der mehr als 60 Prozent der befragten jungen Menschen angaben, sich einsam oder sogar sehr einsam zu fühlen.

Teresa drückt es folgendermaßen aus: „Junge Menschen haben ein großes Bedürfnis nach Verlässlichkeit, Orientierung und nach einer Bindung, die beständig ist und auch mal etwas aushält.“ Sie berichtet, dass sich die Kontakte zu den Adressat*innen ihrer Arbeit eher noch verstärkt und intensiviert haben, auch wenn die letzten fast zwei Jahre allen viel Improvisationsgeist abverlangt haben. Ähnlich ist das auch bei Karame. Die Räumlichen der Kinder- und Jugendfreizeiteinrichtung waren im Frühjahr 2020 zwischenzeitlich aufgrund der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie geschlossen, die Mitarbeiter*innen trafen sich mit den Jugendlichen draußen, machten Kiezspaziergänge, redeten am Fenster, führten Graffiti-Aktionen unter Einhaltung der Abstands- und Hygieneregeln im Freien durch und tauschten sich über Messengerdienste, Chats und per Telefon aus.

Bei Gangway entstand das kreative und überbezirkliche Projekt „Stimmen aus dem Off“, welches Jugendlichen während der Pandemie eine Stimme gibt. Junge Menschen aus unterschiedlichen Bezirken berichten dabei auf Instagram über ihre Gedanken, die Herausforderungen einer veränderten Lebenswelt, aber auch über Erfahrungen in Schule und Beruf unter Corona-Bedingungen.

Zu Beginn der Pandemie veröffentlichte Gangway zudem „Anregungen gegen die Einsamkeit in der Quarantäne“ auf der vereinseigenen Website, um Jugendlichen und jungen Erwachsenen einfache Tipps an die Hand zu geben, wie sie dem Alltag in solch einer Ausnahmesituation mehr Struktur und Sinnhaftigkeit verleihen können. Inspiration für die „Angebote gegen die Einsamkeit“ waren auch die Erfahrungen der ersten chaotischen Wochen der Pandemie, die bei vielen jungen Menschen von Überforderung, Unsicherheit und dem teilweisen Wegfall vertrauter Strukturen geprägt waren. Teresa führt aus: „Wichtig ist bei unserer Arbeit, sich mit einer Wertung zurückzuhalten und einfach die Ohren offen zu haben und hellhörig zu werden, wenn ein Jugendlicher beispielsweise auf die Frage ,Was machst du gerade?‘, sagt: Nichts.“

Gangway arbeitet auch mit jungen Erwachsenen, die sich aktuell im Gefängnis befinden. Die Tage dort sind lang und eintönig, jedes Gruppenangebot, jede Aktivität, die Ablenkung bringt, ist hoch willkommen. Doch viele der Angebote fanden pandemiebedingt nicht oder nur eingeschränkt statt. Zudem ist Einsamkeit ein großes Thema und die Sehnsucht nach Familie und Freund*innen. Ihre Besuche haben eine große Bedeutung, als diese während des ersten Lockdowns nicht möglich waren, bedeutete das eine zusätzliche Belastung. Teresa berichtet: „Für manche der jungen Erwachsenen im Gefängnis war es auch schlimm, ihre Angehörigen nur durch Plexiglasscheiben sehen zu können.“

Und da ist noch dieser Satz: „Bleiben sie Zuhause!“, den Teresa im Kontext ihrer Arbeit als „zynisch“ bezeichnet. Ausgesprochen wurde er von Politiker*innen im Rahmen der Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie. Denn es gibt Jugendliche und junge Erwachsene, die dieses bedarfsgerechte Zuhause nicht haben, weil sie in sehr beengten Wohnverhältnissen aufwachsen oder wohnungslos sind und sich mit Übernachtungen bei Freund*innen, Verwandten oder entfernten Bekannten durchschlagen. Findet sich so keine Übernachtungsmöglichkeit, bleiben nur noch die entsprechenden Unterkünfte, die schon vor der Pandemie mehr als ausgelastet waren. Doch viele junge Wohnungslose meiden diese, nicht nur weil Menschen ein unterschiedliches Empfinden in Bezug auf Nähe und Distanz haben, sondern vor allem wegen der Angst, sich mit dem Corona-Virus zu infizieren.

Auch ohne Corona fehlt(e) es nicht an Herausforderungen: Einen persönlichen Freiraum, eine Art von Privatsphäre, ein selbst gewähltes Alleinsein, wie es in der Pubertät wichtig ist, gab es für viele Jugendliche, die mit ihren Familien in zu kleinen Wohnungen leben, schon vor Ausbruch der Corona-Pandemie kaum. Karame hat seinen Sitz in Moabit, wo mehr als ein Drittel der Kinder und Jugendlichen in Haushalten von ALG II-Empfänger*innen aufwachsen. Eine verdichtete Bebauungsstruktur und eine oft unzureichende Ausstattung mit Spiel- und Freizeitflächen kennzeichnen den Kiez. Die bestehenden Aufenthaltsmöglichkeiten im öffentlichen Raum sind somit stark frequentiert, nicht selten entstehen Nutzungskonflikte. Aber in den letzten Jahren hat sich viel getan, auch Dank des Engagements von Teresa und Gelaal, denn Jugendbeteiligung, die Möglichkeit der Mitgestaltung der eigenen Alltagswelt, ist bei Gangway und Karame eine Selbstverständlichkeit. Ein Beispiel hierfür ist die Entwicklung und der Bau des Moabiter Youth Headquarters, eine mobile Aktionsplattform, die zusammen mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen aus dem Kiez entstand. Auch die Corona-Pandemie konnte das Projekt nicht stoppen, sie hat es sogar noch wertvoller gemacht, denn der gemeinsame Bau im Freien und das damit einhergehende Gefühl der Verbundenheit benötigten alle Beteiligten mehr denn je. 

Auf die Frage, was sie sich für Jugendliche und junge Erwachsene wünscht, antwortet Teresa zum Abschluss unseres Gesprächs: „Grundsätzlich mehr Verständnis für ihre Situation! Gerade in der Corona-Pandemie. Und generell Druck rausnehmen und nicht um jeden Preis verlangen, du musst jetzt deinen Schulabschluss machen oder eine Maßnahme und ständig funktionieren!“ Gelaal ergänzt: „Jugendliche wollen ernst genommen und beteiligt werden. Das ist doch auch ihr Recht!“


 

Dieser Artikel ist im Verbandsmagazin "GemEinsamkeit" des Paritätischen Gesamtverbandes erschienen.

Die Weihnachtstage und der Jahreswechsel sind noch nicht lang her. Bei vielen von uns sind die Erinnerungen, wie wir sie im Kreis von Freunden und Verwandten verbracht haben, noch sehr präsent. Manche Menschen waren in dieser Zeit auch allein.

Einsamkeit ist ein zunehmendes gesellschaftliches Problem und eine große Herausforderung für die Wohlfahrt. Bis zu 20 Prozent der Bevölkerung ist dauerhaft von Einsamkeit betroffen.

Aber Einsamkeit ist auch eine Chance. Denn aus Einsamkeit kann schnell auch Gemeinsamkeit werden. Daran arbeiten etliche Mitglieder im Paritätischen Gesamtverband. Wir stellen in diesem Magazin ein paar Projekte vor.

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Autor*in

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Stefanie Köhler

Referentin Online-Redaktion / Veranstaltungen beim Paritätischen Wohlfahrtsverband

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