„Politik leicht erklärt“ war ein großer Erfolg: 120 Personen aus 24 Baden-Württembergischen Mitgliedsorganisationen der Bereiche Menschen mit Behinderung, Migration, Frauen und Jugend haben an der dreiteiligen Fortbildungsreihe in einfacher Sprache zur Vorbereitung auf die Bundestagswahl teilgenommen und Fragen an ihre Bundestagskandidat*innen formuliert. Tanja Westphal hat sich gleich auf den Weg gemacht, um sich erstmals selbst für ihre Belange einzusetzen.

Von Südbaden nach Schleswig-Holstein: Verständliches Aufzeigen von Teilhabemöglichkeiten führte zu erfolgversprechendem Aktionismus

„Politik leicht erklärt“ war ein großer Erfolg: 120 Personen aus 24 Baden-Württembergischen Mitgliedsorganisationen der Bereiche Menschen mit Behinderung, Migration, Frauen und Jugend haben an der dreiteiligen Fortbildungsreihe in einfacher Sprache zur Vorbereitung auf die Bundestagswahl teilgenommen. Einige Teilnehmer:innen haben am Ende der Veranstaltungsreihe Fragen an ihre Bundestagskandidat*innen formuliert, die um eine Antwort in einfacher Sprache gebeten wurden. Im Anschluss an die Veranstaltungsreihe wurden die Video-Mitschnitte online gestellt um sie allen Interessierten zukommen zu lassen. So ist auch Tanja Westphal aus Glückstadt/ Schleswig-Holstein auf die Filme gestoßen – und hat sich gleich auf den Weg gemacht, um sich erstmals auf unbekanntem Wege für ihre Belange selbst einzusetzen.

Tanja Westphal aus Glückstadt/ Schleswig-Holstein

Tanja Westphal berichtet

"Eigentlich interessiere ich mich nicht so sehr für Politik. Vieles verstehe ich nicht so richtig. Und ich habe das Gefühl, dass die Politiker sowieso nur das machen, was für sie gut ist und für reiche Leute, aber nicht zum Beispiel für uns Rollifahrer und alle anderen eingeschränkten Menschen. Aber dann habe ich eine eMail bekommen. Vom Regionalverbund Südbaden vom Paritätischen Wohlfahrtsverband. Erst viel später habe ich erfahren, dass meine Schwester das war. Da stand drin, dass sie Videos in einfacher Sprache gemacht haben über Politik und die Bundestagswahl. Das hat mich dann doch ein bisschen interessiert. Ich habe mir die Videos angeguckt. Alle drei. Und mein Freund auch.

Der Mann im Video, der Sebastian heißt, hat alles so erklärt, dass ich es gut verstehen konnte. Und es gab viele Bilder und Quizfragen. Das hat Spaß gemacht. Am besten fand ich, dass Sebastian sagte, jeder kann mitmachen und mit entscheiden. Also nicht nur wählen gehen, sondern auch noch mehr machen. Wirklich jeder. Also auch ich.

Als ich alle Videos gesehen hatte, hatte ich eine Idee. Ich wohne in Glückstadt. Das ist eine schöne Stadt, ich habe mein Glück da gefunden. Aber sie ist eigentlich nicht so gut für Rollifahrer. Es gibt nur ein Taxi für Rollifahrer und die Geldautomaten sind so hoch, dass ich nicht selbst Geld holen kann. Ebenso die Müllcontainer, Pfandflaschenautomaten und die Obstwaagen in den Supermärkten. Aber ich wohne alleine in meiner Einzimmerwohnung und mein Freund ist auch Rollifahrer. Und ich will nicht immer andere fragen, ob sie mir helfen. Erst recht nicht beim Geld abheben. Und auch nicht wenn ich aus dem Rolli gefallen bin weil ich selbst versucht habe, die Stufe zu fahren. Und wenn hier Wahlen sind, sind die nicht in einfacher Sprache. Deswegen hab ich mir einen Termin bei der Bürgermeisterin geholt. Ich hab da einfach angerufen.

Manja Biel heißt unsere Bürgermeisterin. Ich war zwei Stunden im Rathaus und davon über eine bei ihr und wir haben uns gut unterhalten. Ich hatte mir alle Fragen aufgeschrieben und mit meiner Schwester vorher besprochen. Das war ein gutes Gespräch mit Frau Biel. Sie sagte, dass sie nicht weiß, wie es ist, im Rolli zu sitzen. Und da hab ich gesagt, dass sie es einfach mal ausprobieren sollte. Dann würde sie besser verstehen, wie es ist. Wir haben uns verabredet, dass wir zusammen durch die Stadt fahren. Wir beide im Rolli. Toll, was?"

 

Im späteren Gespräch zwischen dem Regionalverbund Südbaden-Leiterin Annika Beutel und Glückstadts Bürgermeisterin Manja Biel berichtete letztere von dem für sie beeindruckendem Gespräch mit Tanja Westphal: „Sie war so mutig und selbstbewusst, wie sie da auf ihren vier Rädern ins Rathaus rollte und mir gut vorbereitet ihre vielen Fragen stellte. Ich wünsche mir, dass diesem Beispiel auch andere Menschen mit Handicap folgen“. Auf Facebook berichtete Frau Bürgermeisterin Biel über ihre Bürgersprechstunde im September 2021 und über den Besuch von Tanja Westphal. Und im Gespräch betonte sie ihr Interesse, selbst hautnah zu erfahren, was schwierig für Rollstuhlfahrer in Glückstadt ist. Zunächst sei aber ein Folgetreffen Anfang Oktober in den Glückstädter Werkstätten – zusammen mit ihren Kolleg*innen – verabredet.

Mal sehen, was das Engagement von Tanja Westphal noch bewirkt ...

3 Kommentare

Corneliaschrieb18.10.2021

Klasse, Tanja, eine super Aktion von Dir! Wir brauchen mehr solche Menschen wie Dich, denn „zweifle nie daran, dass eine kleine Gruppe engagierter Menschen die Welt verändern kann - tatsächlich ist dies die einzige Art und Weise, in der die Welt jemals verändert wurde" (Margaret Mead).

Sigridschrieb12.10.2021

Super! Hoffentlich finden mehr Menschen den Mut, sich für ihre Belange einzusetzen. Und hoffentlich gibt es mehr Menschen in verantwortlicher Position, wie Frau Biel, die sich Zeit nehmen, zuhören und vielleicht sogar Dinge umsetzen.

Kristinschrieb08.10.2021

Super Tanja, weiter so und viel Erfolg ???? ????

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Autor*in

Portrait von Annika Beutel

Annika Beutel

Annika Beutel ist für die Regionalleitung Südbaden im Paritätischen Baden-Württemberg zuständig.

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