Der noch junge Verein LieLa hat sich auf die Hilfe für obdachlose Frauen in Bremen spezialisiert und hat dabei einen feministischen Anspruch. Wir sprachen mit Charlotte Schmitz von LieLa über ihre Arbeit.

Frau Schmitz, LieLa gibt es seit circa zwei Jahren. Was war der Impuls, den Verein zu gründen?

Der Impuls kam von einem Bekannten. Er heißt Markus Urban und ich habe ihn über politische Zusammenhänge kennengelernt. Markus war selbst obdachlos und ist jetzt Aktivist für wohnungs- und obdachlose Menschen. Er lebt nach wie vor in einer prekären Situation, hat aber das Konzept von Housing First für Bremen mitgeschrieben. Markus hat mich auf die Situation für wohnungs- und obdachlose Frauen und Mädchen in Bremen aufmerksam gemacht und hat das sehr bild- und detailreich beschrieben. Ich habe danach erst einmal ein paar Nächte nicht schlafen können. Das Hauptproblem war zu diesem Zeitpunkt laut Markus, dass es keinen Träger gibt, der sich in Bremen explizit um wohnungs- und obdachlose Frauen kümmert und dabei auf die Bedarfe aller wohnungs- und obdachlosen Frauen eingeht. Wir haben recherchiert, mit verschiedenen anderen Organisationen und mit Streetworkerinnen gesprochen und es hat sich bestätigt, dass die Lage wirklich so prekär ist wie beschrieben. Und wir haben damals auch keine Organisation gefunden, die etwas Vergleichbares machen wollte wie wir. Es gibt zwar eine Anlaufstelle für wohnungs- und obdachlose Frauen, aber da dürfen keine Frauen rein, die z.B. Drogen konsumiert haben. Da haben wir gesagt: Gut, wenn das niemand macht, müssen wir das halt machen. Wir wussten zu dem Zeitpunkt schon zu viel darüber, um beruhigt schlafen zu können.

Nun hat ja Bremen, wie Sie schon erwähnten, ein Housing First Programm. Das haben ja in Deutschland nicht viele Städte. Es scheint also ein Bewusstsein seitens der Politik da zu sein, vielleicht mehr als in anderen Städten. Warum sind die Probleme für wohnungs- und obdachlose Frauen in Bremen trotzdem so groß?

Ich glaube, dass dies kein spezielles Problem von Bremen ist. Bremen hat nur das Glück, dass wir hier wohnen und uns des Problems annehmen (lacht). Bremen hat zumindest kein Alleinstellungsmerkmal, zumindest nicht, dass ich wüsste. Natürlich haben Großstädte immer größere Probleme mit Wohnungs- und Obdachlosigkeit. Aber soweit ich weiß, ist das Problem in Bremen nicht größer als woanders.

Wie unterscheidet sich das Leben von wohnungs- und obdachlosen Frauen auf der Straße im Vergleich zu dem von Männern?

Ich kann natürlich nur auf die Erfahrungen unserer Arbeit zurückgreifen. Frauen haben natürlich andere Bedürfnisse. Die meisten Frauen menstruieren zum Beispiel. Das Problem haben Männer nicht. Wohnungs- und obdachlose Frauen werden auf der Straße, wie alle anderen Frauen natürlich auch, diskriminiert und mit Schönheitsidealen unter Druck gesetzt. Die machen auch vor Frauen auf der Straße keinen Halt. Ein sehr großes Problem ist die sexualisierte Gewalt. Die erleben auch z.B. minderjährige Jungs auf der Straße, aber Frauen noch deutlich häufiger. Obdachlose Frauen, die wirklich wörtlich auf der Straße leben, werden als Freiwild gesehen. Alle Menschen, die mit denen was zu tun haben, denken, sie können mit den Frauen machen, was sie wollen, ohne dass es dafür Konsequenzen gibt. Wenn doch mal eine Frau zur Polizei geht und sexualisierte Gewalt anzeigen will, stehen die Chancen schlecht, dass ihr geglaubt wird. Wenn diese Frau auch noch obdachlos und vielleicht noch drogensüchtig ist, sinken ihre Chancen auf Hilfe massiv. Im Prinzip wissen alle, die mit diesen Frauen zu tun haben: Es ist ein rechtsfreier Raum. Das ist natürlich ein riesiges Problem für die Frauen, wenn sie immer davon ausgehen müssen, dass ihnen sexualisierte Gewalt angetan werden kann. Das ist ein Dauerszenario, dem man sich bewusst sein muss. In Bremen sind auch einige Männer dafür bekannt, als „Helfer“ aufzutreten und Frauen warme Schlafplätze und eine Dusche anbieten. Dafür erwarten sie nicht konsensuale und nicht bezahlte sexuelle Gegenleistungen. Das ist ein Problem, dass es in dem Ausmaß bei Männern nicht gibt.

Charlotte Schmitz

Sie bekommen ja wirklich schlimme und traumatische Geschichten mit. Wie gehen Sie als Helferin damit um?

Wir arbeiten in verschiedenen Arbeitsgemeinschaften. Ich bin zum Beispiel in der Netzwerk-AG, es gibt die Öffentlichkeitsarbeit-AG und eine AG, die direkt dafür da ist,  mit den Frauen in Kontakt zu kommen. Sie verteilen Menstruationsartikel, Essen, warme Sachen oder was immer benötigt wird. Ich glaube, dass die Leute, die das machen und die wirklich den engsten Kontakt haben, sich das schon aussuchen. Das sind Menschen, die sich gut abgrenzen können und die zum Beispiel soziale Arbeit studiert haben. Das ist etwas, was ich nicht kann. Ich kann mich nicht gut abgrenzen. Deswegen mache ich etwas, was möglichst weit von den Betroffenen entfernt ist und trotzdem hilft. Ich habe mir zuvor Taktiken und Maßnahmen überlegt. Es gibt eine YouTube-Reihe, die Interviews mit Wohnungs- und Obdachlosen führen, auch mit Frauen. Ich habe mir all diese Horrorstorys am Anfang auf einmal angeschaut. Da war ich abgehärtet und wusste, was auf mich zukommt. Jetzt sind es Geschichten, die man schon gehört hat und das macht es leichter. Es ist wirklich sehr schlimm, aber es ist gut zu wissen, dass ich auch etwas dagegen mache. Schlimmer wäre es, darum zu wissen und nichts zu tun.

Wie hilft LieLa wohnungs- und obdachlosen Frauen konkret?

Jetzt gerade können wir akut relativ wenig helfen. Ab und zu machen wir Verteilaktionen, aber gerade machen wir viel Lobbyarbeit, die sich eher mittelfristig auswirkt. Aber wir haben zum Beispiel erreicht, dass die Regierungsparteien in ihrem Wahlprogramm zur anstehenden Bürgerschaftswahl im Mai einen Schutzraum für wohnungs- und obdachlose Frauen fordern. Wir sensibilisieren die Gesellschaft gerade stark durch Öffentlichkeitsarbeit. Aber eigentlich wollen wir noch viel mehr machen. Eigentlich wollen wir einen Abendstundentreff eröffnen. Deswegen bewerben wir uns auf Gelder und hoffen langfristig, noch einmal auf einem ganz anderen Level tätig werden zu können.

Nun ist der Name von LieLa bewusst gewählt, in Anspielung auf die Farbe der Frauenbewegung. Wie spiegelt sich der Feminismus in ihrer Arbeit wider?

Jede Arbeit, die dafür da ist, Frauen zu empowern und zu unterstützen, ist automatisch eine feministische Arbeit – besonders wenn sie für Frauen ist, die intersektional benachteiligt sind und Klassismus und Rassismus erleben. Wir versuchen möglichst viel mitzudenken und haben lange darüber nachgedacht, wie wir als Anlaufstelle Frauen definieren. Eigentlich sind wir eine Anlaufstelle für FLINTA-Personen, also Frauen, Lesben, Inter-, Non-Binary-, Trans- und Agender-Personen. Aber passt das? Wir haben darüber gesprochen, um den Ansprüchen der aktuellen Debatte gerecht zu werden. Am Ende haben wir uns für den Begriff „Frauen“ entschieden, denn FLINTA trifft es nicht richtig, weil wir kein Angebot für Trans-Männer bieten. Aber wir sehen uns zum Beispiel auch für Trans-Frauen und non-binäre Personen zuständig. An solchen Stellen diskutieren wir viel. Ich glaube, dass der Ansatz von Empowerment und Partizipation sehr feministisch ist. Wir wollen eine niedrigschwellige soziale Arbeit, die akzeptiert funktioniert. Ich denke, dass es auch ein feministischer Ansatz ist zu sagen: Wir setzen genug Vertrauen in diese Frauen. Wir gehen davon aus, dass die am besten wissen, was sie brauchen, dass die Frauen ihr Angebot am besten gestalten können und dass wir das nicht besser können als sie.

Nun gibt es ja auch gegen feministische Ansätze sehr viele Anfeindungen. Erleben sie so etwas auch?

Bisher wurden wir weitestgehend verschont. Wir haben bisher keinen Shitstorm und keine Hasskommentare bekommen und zumindest als Organisation auch keine tätlichen Angriffe. Die Frauen auf der Straße natürlich schon. Ich glaube, ein strukturelles Problem, dass uns als LieLa auch betrifft, ist, dass das Thema für nicht wichtig genug gehalten wird. Vielen Menschen ist nicht klar, was es für eine Frau bedeutet, auf der Straße zu leben, was es bedeutet, jederzeit sexualisierte Gewalt erfahren zu können. Es gibt keine Frau auf der Straße, der das nicht schon einmal passiert ist. Und es sterben Frauen . Und dieses Ausmaß ist glaube ich, der männerdominierten Politik und Wirtschaft noch nicht angekommen.

 

Das Interview führte Philipp Meinert


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Philipp Meinert

Philipp Meinert verantwortet beim Paritätischen Gesamtverband den Bereich Presse und Redaktion. Für das Verbandsmagazin des Paritätischen Gesamtverbandes schreibt er Artikel und führt Interviews.

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