In den letzten Jahren hat die frühkindliche Bildung in Deutschland enorm an Bedeutung gewonnen. Gleichzeitig steht das System der Kindertagesbetreuung vor einer Herausforderung, die oft übersehen wird: einer doppelten Vertrauenskrise.

Und diese Krise betrifft sowohl die Eltern als auch die Politik. Beide haben aus unterschiedlichen Gründen das Vertrauen in die Leistungsfähigkeit des Systems verloren. Diese Vertrauenskrise ist nicht nur ein Stimmungsproblem. Sie bedroht die Stabilität eines gesamten Bildungsbereichs, der entscheidend für Bildungsbiografien, soziale Teilhabe und Chancengerechtigkeit ist.

1. Eltern verlieren das Vertrauen – ein systematischer Erosionsprozess

Die letzten fünf Jahre haben viele Familien an die Grenzen gebracht. Wer ein Kita-Kind hat, kennt die Schlagworte: eingeschränkte Öffnungszeiten, Personalmangel, hoher Druck in den Teams, häufige Schließtage und nicht zuletzt das „Bitte holen Sie Ihr Kind früher ab“. Der Vertrauensverlust auf Seiten der Eltern ist daher kein diffuses Gefühl, sondern das Ergebnis einer kontinuierlichen Erfahrung von Unzuverlässigkeit und eines gestressten Systems.

Diese wiederkehrenden Einschränkungen verändern die Wahrnehmung des Systems grundlegend. Eltern erleben die Kita zunehmend nicht mehr als verlässliche Infrastruktur, sondern als Unsicherheitsfaktor. Auffällig ist dabei, dass vor allem gut situierte Familien ihre Konsequenzen ziehen: Sie reduzieren die Inanspruchnahme oder umgehen das System durch Großeltern, Arbeitszeitmodelle oder private Alternativen. Zu diesem Schluss kommt eine aktuelle Auswertung des DJI (Neuberger, F., Grgic, M., Lippert, K., & Kuger, S. (2026). Wenn es erst an Personal und dann an Vertrauen mangelt: Wahrgenommene Qualität, Schließungserfahrungen und der Wandel der Nicht-Nutzungsgründe in der Kindertagesbetreuung. DJI-Preprint. https://doi.org/10.36189/DJI2026042).

Diese Entwicklung bleibt jedoch sozial ungleich: sozio-ökonomisch benachteiligte Familien haben nach wie vor eine deutlich höhere Nachfrage nach Betreuung als das System ihnen anbieten kann. Aber auch diese Erwartungen auf gleichberechtigte Teilhabe werden seit Jahrzehnten enttäuscht und tragen ebenfalls zum Vertrauensverlust bei.

2. Auch die Politik verliert das Vertrauen – mit weitreichenden Folgen

Noch gravierender ist allerdings der zweite Teil der Vertrauenskrise: Immer mehr Politiker*innen zweifeln daran, dass Kitas Kinder ausreichend auf die Schule und das Leben vorbereiten. Dieser Vertrauensverlust speist sich aus den besorgniserregenden Ergebnissen von Schuleingangsuntersuchungen und Sprachstandsfeststellungen, die sich in deutlich negativen Tendenzen in Lernstandserhebungen in Schulen fortsetzen.   Das führt zu einer wachsenden Skepsis gegenüber der pädagogischen Wirksamkeit des Systems der Kindertagesbetreuung. Die politische Logik lautet zunehmend: Kitas bereiten Kinder nicht ausreichend vor – also braucht es schulanaloge Angebote vor der Einschulung. Das zeigt sich zum Beispiel in Nordrhein-Westfalen, wo über sogenannte ABC-Klassen diskutiert wird. Ähnliche Überlegungen gibt es in einer deutlich wachsenden Zahl von Bundesländern. Dahinter liegt nicht die Überzeugung, dass Schulen besser auf die Bedarfe von Kindern reagieren und Benachteiligungen besser abbauen. Vielmehr erscheint Schule politisch einfacher steuerbar – und damit politisch attraktiver.

Schulen verfügen über klare Hierarchien, verbindliche Curricula, festgelegte Unterrichtsmethoden und standardisierte Diagnostik- und Testinstrumente. Entwicklung und Lernerfolg lassen sich scheinbar objektiv messen: Zensuren, Tests, Kompetenzraster. All das erzeugt das Gefühl von Transparenz, Kontrolle und Vergleichbarkeit.

Im Gegensatz dazu wird frühkindliche Bildung häufig als diffus, wenig standardisiert und schwer messbar wahrgenommen. Kindheitspädagogik folgt keinen starren Lehrplänen, sondern orientiert sich an Alltagssituationen, an individuellen Entwicklungsverläufen und an spontanen Lerngelegenheiten. Politisch entsteht so der Eindruck, diese Form der Bildungsarbeit sei weniger kontrollierbar – und damit weniger zuverlässig steuerbar. Damit entsteht ein gefährlicher Eindruck: Kitas reichen nicht aus. Schule kann es besser. Dieses Narrativ untergräbt nicht nur das Vertrauen in die Kindertageseinrichtungen, sondern auch in die Profession der Kindheitspädagogik insgesamt.

Besonders kritisch ist es, wenn etablierte frühpädagogische Konzepte – etwa der Situationsansatz – öffentlich als „ungenügend“ oder „ineffektiv“ dargestellt werden. Damit wird nicht nur das Konzept angegriffen, sondern implizit auch das Können der Fachkräfte.

Beide Vertrauenskrisen – die der Eltern und die der Politik – führen zu einer Belastungsdynamik, die das System weiter schwächt. Eltern ziehen sich zurück oder zweifeln offen an der Kompetenz der Einrichtungen. Politik sucht Lösungen zunehmend außerhalb des bestehenden Systems – statt es zu stärken. Beides schwächt zusätzlich das System.

3. Was jetzt notwendig ist: ein systemischer Vertrauensaufbau

Eltern und Politik müssen wieder Vertrauen in Kitas gewinnen, weil ohne dieses Vertrauen ein zentrales Fundament des Bildungssystems brüchig wird. Ohne eine selbstbewußte und starke Frühkindliche Bildung kann die Bildungskrise nicht bewältigt werden.

Wenn jedoch sowohl Eltern als auch politische Entscheidungsträger an der Leistungsfähigkeit der Kitas zweifeln, entstehen Rückzug, Ersatzlösungen und steuernde Eingriffe, die das System weiter destabilisieren, anstatt es zu stärken.

Aus Sicht der Eltern ist Vertrauen vor allem eine Frage der Verlässlichkeit und erlebten Qualität. Vertrauen entsteht im Alltag durch stabile Öffnungszeiten, planbare Betreuung, ausreichend Personal und spürbar zugewandte pädagogische Arbeit. Um Vertrauen zurückzugewinnen, müssen Kitas wieder als verlässliche Infrastruktur wahrnehmbar werden. Das setzt voraus, dass politische Verantwortungsträger die strukturellen Voraussetzungen schaffen, unter denen pädagogische Qualität umgesetzt werden kann.

Für die Politik ist Vertrauen weniger eine Frage des Alltags, sondern der Steuerungslogik. Politik braucht das Gefühl, dass ein System wirksam, verantwortungsvoll und nachvollziehbar arbeitet. Kitas verlieren dieses Vertrauen, wenn ihre Leistungen schwer erklärbar bleiben, ihre Einflüsse unsichtbar sind oder sie vorrangig als Kostenfaktor wahrgenommen werden. Vertrauen kann hier entstehen, wenn frühkindliche Bildung ihre eigene Professionalität stärker sichtbar macht: indem klar benannt wird, welche Ziele verfolgt werden, wie pädagogische Qualität entsteht und wie mit Entwicklungsbeobachtungen verantwortungsvoll umgegangen wird. Es geht nicht darum, Kita-Arbeit zu verschulen oder vollständig zu standardisieren, sondern darum, fachlich begründet Orientierung zu geben, ohne die Eigenlogik frühkindlichen Lernens zu verleugnen.

Ein zentraler Hebel für Vertrauensaufbau liegt in der Stärkung der Fachkräfte. Vertrauen lässt sich nicht anordnen; es entsteht, wenn Pädagoginnen und Pädagogen als kompetente Profession wahrgenommen werden. Das setzt politische Anerkennung, gute Arbeitsbedingungen und kontinuierliche Fortbildung voraus. Eine Politik, die Fachkräften implizit misstraut, indem sie externe Ersatzmodelle aufbaut oder pädagogische Konzepte pauschal infrage stellt, untergräbt genau das Vertrauen, das sie eigentlich gewinnen möchte. Umgekehrt stärkt eine Politik, die auf Kooperation, fachlichen Dialog und gemeinsame Verantwortung setzt, sowohl das System als auch seine Glaubwürdigkeit.

Schließlich braucht Vertrauensaufbau einen klaren Perspektivwechsel: Weg von der Frage, wie frühkindliche Bildung stärker kontrolliert werden kann, hin zu der Frage, wie sie wirksamer unterstützt, aber auch nachvollziehbar wird. Das Ziel muss lauten, dass möglichst viele Kinder frühzeitig Kindertagesbetreuung in Anspruch nehmen können und in dieser möglichst gut auf das Leben und damit auch auf die Schule vorbereitet werden. Denn wir können uns ein weiteres Versagen in der Bildungs- und Sozialpolitik nicht weiter erlauben.

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Portrait von Niels Espenhorst

Niels Espenhorst

Niels Espenhorst ist Referent für Kindertageseinrichtungen beim Paritätischen Gesamtverband.

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