In diesen Tagen gedenken wir anlässlich seines 150. Geburtstages der zentralen Persönlichkeit des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes in der Weimarer Republik: Leopold Langstein. Die Entstehung und Etablierung des Verbandes in den 1920er Jahren geht wesentlich auf sein Wirken zurück. Mit Leopold Langstein würdigen wir einen unablässigen Organisator und Reformmotor der Freien Wohlfahrtspflege.
© Archiv Paritätischer Gesamtverband
Leopold „Leo“ Langstein wird am 13. April 1876 als Sohn des Anwalts Julius Langstein und seiner Frau Anna in Wien in eine jüdische Familie hineingeboren. Nach seinem Abitur im Jahr 1893 studiert Langstein Medizin und Chemie, unter anderem in Wien und Heidelberg. Er promoviert und spezialisiert sich früh auf die Kinderheilkunde.
1904 lässt er sich endgültig in Berlin nieder. Die Stadt wächst rasant, hat zu dieser Zeit bereits mehr als 1,8 Millionen Einwohner und zeigt zugleich ihre Schattenseiten. Glanzvolle Fassaden und Fortschrittsoptimismus stehen in starken Kontrast zur Armut, Enge und den schlechten Lebensbedingungen in den Arbeitervierteln. Die sozialen und gesundheitlichen Probleme, vor allem die der Kinder, prägen in der Folge Langsteins Blick auf die Welt und sein Wirken.
Seine wissenschaftliche Karriere verläuft ebenso schnell wie beeindruckend: 1908 habilitiert er sich an der Berliner Universität, kurz darauf beginnt seine Arbeit am neu gegründeten Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus in der Reichsanstalt zur Bekämpfung der Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit in Charlottenburg. Dort steigt er in kurzer Zeit vom Oberarzt zum ärztlichen Direktor auf und widmet sich mit großer Energie dem Kampf gegen Säuglings- und Kleinkindersterblichkeit. Denn zu Beginn des 20. Jahrhunderts stirbt rund jeder fünfter Säugling im ersten Lebensjahr.
Langstein forscht, publiziert und schafft Grundlagen: Gemeinsam mit Fritz Rott veröffentlicht er den „Atlas der Hygiene des Säuglings und des Kleinkindes“, der zu einem Standardwerk avanciert. Auch um das medizinische Wissen in die Praxis zu tragen, setzt sich Langstein für die Etablierung und Professionalisierung des Berufs der Säuglingsschwester und der Gesundheitspflegerin ein. Noch während des Ersten Weltkrieges gründet er gemeinsam mit Weggefährten deshalb die Städtische Wohlfahrtsschule für Fürsorgerinnen.
Organisator eines neuen Wohlfahrtsverbandes
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Langsteins Blick reicht weit über die Klinikmauern hinaus. Er erkennt früh, dass gesellschaftliche Notlagen koordiniertes, gemeinsames Handeln erfordern. Diese Erkenntnis und der Handlungsdruck steigen nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg und vor dem Hintergrund der enormen Inflation, der Wirtschaftskrise sowie der Verarmung großer Teile der Bevölkerung. Darüber hinaus sehen sich Langstein und seine Mitstreitenden drohenden Kommunalisierungstendenzen ausgesetzt. 1920 gründet er mit Gleichgesinnten deshalb die Vereinigung der freien privaten gemeinnützigen Kranken- und Pflegeanstalten Deutschlands.
Um volle Wirkung zu entfalten, wird schnell klar: Der Fachverband muss sich zu einem Spitzenverband entwickeln. Denn staatliche Zuschüsse erhalten nur anerkannte, reichsweit tätige Wohlfahrtsverbände. Zugleich besteht die Gefahr, dass bislang nicht organisierte, unabhängige Wohlfahrtseinrichtungen von den gesetzlichen Neuerungen der jungen Weimarer Republik ausgeschlossen werden. Das Reichsjugendwohlfahrtsgesetz (1922) und die Reichsfürsorgepflichtverordnung (1924) fördern dabei die Freie Wohlfahrtspflege.
Den entscheidenden Schritt vollzieht Langstein deshalb mit einem kleinen Kreis Gleichgesinnter am 7. April 1924 mit der Gründung der Vereinigung der freien privaten gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands. Langstein übernimmt wie schon zuvor den Vorsitz.
© Archiv Paritätischer Gesamtverband
Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der Vereinigung, die sich nur wenige Monate nach der Gründung in Fünfter Wohlfahrtsverband umbenennt, ist die Fusion mit der Humanitas – Verband für Erziehungs- und Wirtschaftsfürsorge e. V. und der Beitritt des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern als Organisation auf Landesebene. Der noch junge Verband kann dadurch seine Aktivitäten in der Erziehungs- und Wirtschaftsfürsorge nachhaltig ausbauen.
Die Fusion mit dem konkurrierenden Humanitas-Verband unter maßgeblicher Führung von Anna von Gierke verläuft dabei nicht konfliktfrei. Die Gespräche verlaufen schleppend, zeitweise findet ein regelrechter Machtpoker statt, den Langstein rückblickend als „unerquicklichen Zustand der Doppelorganisation und Doppelarbeit“ beschreibt. Langstein profitiert schließlich auch davon, dass das Reichsarbeitsministerium bereits 1924 auf seinen Verband setzt. Nicht zuletzt aufgrund seiner tragfähigen Netzwerke und seines hohen Ansehens auch in die etablierten Spitzenverbände hinein.
Doch Langstein ist pragmatisch genug anzuerkennen, dass der Fünfte Wohlfahrtsverband von den Zuwächsen nachhaltig profitiert. So schreibt er: „Durch diese Fusion erfuhr der Fünfte Wohlfahrtsverband nicht nur einen beträchtlichen zahlenmäßigen Zuwachs an Mitgliedern, sondern eine Bereicherung an bedeutenden Köpfen und kenntnisreichen Persönlichkeiten.“
Zu diesen kenntnisreichen Persönlichkeiten zählt neben Anna von Gierke, die nach der Fusion des Humanitas-Verbandes mit dem Fünften Wohlfahrtsverband Mitglied des Vorstandes und Leiterin der Fachgruppe für Erziehungsfürsorge wird, auch Luise Kiesselbach. Luise Kiesselbach ist es, die den Begriff „Paritätisch“ im heutigen Sinne prägt. Sie gründet 1922 den Ersten Paritätischen Wohlfahrtsverband München und ist 1924 Mitbegründerin des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Bayern. Die Idee der Parität steht dabei für die Gleichheit aller in ihrem Ansehen und ihren Möglichkeiten.
Mit Langstein als Vorsitzendem: Wachstum, Vernetzung, Profil
Als geschäftsführendem Vorsitzenden gelingt Langstein, auch dank der tatkräftigen Unterstützung von engagierten Personen wie Arthur Schloßmann, Anna von Gierke und Luise Kiesselbach, den Fünften Wohlfahrtsverband nach innen und außen erfolgreich zu konstituieren und zu einem Akteur auf Augenhöhe gegenüber den etablierten Wohlfahrtsverbänden zu machen. Zudem steigt die Zahl der Mitgliedsorganisationen erheblich an: Von 127 Mitgliedern im Jahr 1924 auf 929 im Jahr 1927 und 1469 Mitgliedsorganisationen im Jahr 1933.
Auch in der gemeinsamen Organisation der Freien Wohlfahrtspflege auf Reichsebene spielt Langstein eine bedeutende Rolle. Im März 1925 schließen sich der Zentralausschuß für die Innere Mission, der Deutsche Caritasverband, die Zentralwohlfahrtsstelle der Juden, der Zentralwohlfahrtsausschuß der christlichen Arbeiterschaft und der Fünfte Wohlfahrtsverband zur Deutschen Liga der freien Wohlfahrtspflege zusammen. Langstein begleitet bis 1933 das Amt des stellvertretenden Liga-Präsidenten. Jahre zuvor ist er bereits an der Entstehung des Wirtschaftsbundes und der Hilfskasse beteiligt. Die Hilfskasse gemeinnütziger Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands bildet ab 1923 einen wichtigen Rettungsanker, gewährt sie doch Darlehen an gemeinnützige Wohlfahrtsorganisationen.
Trotz seiner verhältnismäßig schnellen Etablierung haftet dem Fünften Wohlfahrtsverband der Ruf eines „Verbands der Übriggebliebenen“ an, als Zusammenschluss jener Einrichtungen, die weder konfessionell gebunden noch Teil des Deutschen Roten Kreuzes sind. Dem setzt Leopold Langstein, auch mit argumentativer Unterstützung von Anna von Gierke und Luise Kiesselbach, 1927 folgendes entgegen:
„Der Fünfte Wohlfahrtsverband bekennt sich zu der Auffassung, daß Wohlfahrtspflege sowohl eine Wissenschaft ist, die immer wieder neu erforscht werden muß, als auch eine Kunst, deren Ausübung persönlichste schöpferische Arbeit ist. […] Der Fünfte Wohlfahrtsverband hält Wohlfahrtspflege für eine Aufgabe, die unabhängig von gesinnungsmäßiger Einstellung durchgeführt werden sollte. Seine Glieder üben Wohlfahrtspflege aus, weil ihre Weltanschauung, welche es auch sei, sie ihnen befiehlt, aber sie stellen die Wohlfahrtspflege nicht in den Dienst ihrer Weltanschauung und ihrer Gesinnungsgemeinschaft. Sie üben Wohlfahrtpflege aus als Mittel zu dem Zweck: Schutz, Bewahrung, Rettung jedes gezeugten Lebens und Schaffung und Erhaltung der ethisch unversehrten, wirtschaftlich gesicherten Familie. Die sittliche, geistige und wirtschaftliche Vervollkommnung möglichst Vieler ist ihr Ziel.“
Auch um dieses Profil nachhaltig zu schärfen und in Anknüpfung an Kiesselbachs gedankliche Vorarbeit, beschließt der Verband 1932 die Umbenennung in Deutscher Paritätischer Wohlfahrtsverband.
Erzwungener Rückzug: „Ich bin sehr herunter mit meinen Nerven“
© Stefanie Köhler
Der 29. April 1933 markiert eine Zäsur, für den Verband und für Leopold Langstein persönlich. Er muss sein Amt als geschäftsführender Vorsitzender des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes niederlegen. Auch Anna von Gierke hat aus ähnlichen Gründen keine Zukunft mehr in der Verbandsleitung.
Obwohl Langstein bereits als junger Mann zum evangelischen Glauben konvertiert ist, gilt er nach nationalsozialistischer Ideologie als jüdisch. Er erhält Berufsverbot, verliert seine Ämter, auch seine Position als Präsident am Kaiserin-Auguste-Viktoria-Haus, die er seit 1926 innehat.
Der Verlust seiner Ämter, die stets nicht nur Arbeit, sondern Berufung für ihn waren, schmerzt Langstein zutiefst. Bereits ein Jahr zuvor verliert er mit Arthur Schloßmann, dem Vorsitzenden des Provinzialverbands Rheinland und Mitglied des Vorstands auf Reichsebene, einen hoch geschätzten Fachkollegen, Mitstreiter und Verbündeten. Die Fusion mit dem Humanitas-Verband wäre ohne Schloßmanns vermittelndes Wirken kaum möglich gewesen.
Langstein stirbt am 7. Juni 1933 in Berlin. In einem am Vortag seines Todes verfassten Brief an seinen Arztkollegen Prof. Dr. Albert Eckstein schildert er, wie stark ihn die zurückliegenden Ereignisse belasten. „Ich bin sehr herunter mit meinen Nerven. […] Meine Herzneurose ist wohl nicht zuletzt auf die unangenehmen Ereignisse der letzten Wochen zurückzuführen.“
Auf dem Titel der Mai bzw. Juni-Ausgabe des Nachrichtenblattes des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes findet sich eine ganzseitige Würdigung Langsteins. Sie schließt mit den Worten: „Die freie Wohlfahrtspflege verliert in Professor Langstein einen warmherzigen Mitarbeiter und Förderer. Alle, die mit dem Verstorbenen zusammen arbeiteten, werden seine tatkräftige Persönlichkeit in dankbarer Erinnerung behalten.“
Die Umstände seines unfreiwilligen Ausscheidens als geschäftsführender Vorsitzender des Verbandes Ende April 1933 bleiben allerdings unerwähnt.
Währenddessen verändert sich der Verband grundlegend: Schritt für Schritt gewinnt die Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt an Einfluss. Vor diesem Hintergrund hat die am 23. Juni 1934 einberufene Mitgliederversammlung des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes nur noch die Aufgabe, die Selbstauflösung formal zu beschließen. Dieser Aufgabe kommt sie nach. Die Rechte und Pflichten des Verbandes und die ihm angeschlossenen Mitgliedsorganisationen werden vom Amt für Volkswohlfahrt übernommen.
- Weitere Informationen
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Mehr zur Geschichte des Paritätischen Gesamtverbandes erfahren sie hier: https://www.der-paritaetische.de/verband/100-jahre-deutscher-paritaetischer-gesamtverband-1924-2024
- Quellen
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Zitate aus:
Leopold Langstein: Der Fünfte Wohlfahrtsverband und seine Bedeutung im Rahmen der Wohlfahrtspflege, in: Auf neuen Wegen zu neuen Zielen. Festschrift zum 60. Geburtstag von Arthur Schlossmann, Düsseldorf 1927, S. 219-234.
Bericht der Vereinigung der freien privaten gemeinnützigen Wohlfahrtseinrichtungen Deutschlands, Berlin 1924.