Während zuletzt über zu wenig bestellten Impfstoff gegen das Coronavirus diskutiert wurde, möchten wir gerne den Spieß umdrehen. Wann sprechen wir eigentlich darüber, was mit den durch Deutschland zu viel bestellten Impfdosen passieren wird? Und warum wird einhellig ein solidarisches europäisches Vorgehen begrüßt, aber kaum kritisiert, dass es keine globale Strategie zur Verteilung von Impfdosen gibt? Mit diesen Fragen beschäftigte sich Verena Holtz, Referentin Gesundheit, Prävention, Rehabilitation und Bevölkerungsschutz beim Paritätischen Gesamtverband.

Hat Deutschland genug Impfstoff bestellt? Diese Frage war zuletzt das Topthema in der medialen Berichterstattung. In einem schien man sich dabei einig zu sein: Es war der richtige Weg die Impfstoffbestellung vorrangig auf europäischer Ebene gemeinsam anzugehen und zu verhandeln. Und Ergebnis dieses Vorgehens ist ein fairerer und solidarischerer Zugang zu Impfstoffen innerhalb der Europäischen Union.

Klar wurde auch: Wir wollen alle so schnell wie möglich mehr Impfdosen gegen das Coronavirus haben und aktuell sind es weniger als wir es uns wünschen und das, obwohl Deutschland insgesamt mehr Impfstoff bestellt hat, als für eine Durchimpfung der eigenen Bevölkerung benötigt wird.

Globale Impfverteilung: Nord-Süd-Gefälle

An dieser Stelle wäre ein guter Zeitpunkt die europäische Perspektive zu verlassen und über die globale Verteilung der Impfstoffe gegen das Coronavirus zu sprechen.

Eine Pandemie ist global und der Kampf gegen die COVID-19-Pandemie benötigt daher einen globalen Blick und eine globale Antwort. Impfstoff wird weltweit gebraucht und ist weltweit ein knappes Gut.

Die „Economist Intelligence Unit“ hat Ende Dezember 2020 eine Karte veröffentlicht, die aufzeigt, wann in welchen Länder ein Impfstoff gegen das Coronavirus umfangreich zur Verfügung stehen wird. Darauf ist ein klares Nord-Südgefälle zu erkennen. Man könnte auch sagen: die Bevölkerung in reicheren Ländern hat Vorrang.

Deutschlands Position in der globalen Verteilungsfrage ist widersprüchlich

Deutschland hat in den vergangenen Jahren sein Engagement im Bereich der globalen Gesundheit massiv ausgebaut. Dazu gehörte unter anderem, dass Deutschland gemeinsam mit Norwegen und Ghana eine Initiative ergriff, um einen Aktionsplan zu verabschieden, wie die gesundheitsbezogenen Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen erreicht werden können. Im Oktober 2020 verabschiedete das Bundeskabinett eine Strategie der Bundesregierung zur Globalen Gesundheit.

Darin sind große Ziele festgehalten, wie zum Beispiel:

  • Mit Blick auf die COVID-19-Pandemie „beabsichtigt die Bundesregierung, politisches Engagement zugunsten globaler Gesundheit in relevanten internationalen Gremien zu verstärken“.
  • Es heißt auch: „Deutschland wird (…) Gesundheitssysteme stärken und eine allgemeine Gesundheitsversorgung mit einem diskriminierungsfreien Zugang für alle ermöglichen.“

Im Rahmen eines zentralen Entscheidungsprozesses innerhalb der Welthandelsorganisation handelte die Bundesrepublik absolut konträr zu diesen selbst gesteckten Zielen.

Südafrika und Indien haben beantragt, dass mit Blick auf alle Produkte, die zur Vorbeugung, Eindämmung und Behandlung von COVID 19 erforderlich sind, das Patentrecht ausgesetzt wird. Abgelehnt wurde der Vorschlag von der Europäischen Union, Australien, Brasilien, Kanada, Japan, Norwegen, der Schweiz, dem Vereinigten Königreich und den Vereinigten Staaten.

Es besteht allerdings noch die Chance für die Bundesrepublik umzulenken. Eine finale Entscheidung über den Vorschlag steht noch aus und wird im März 2021 stattfinden.

Lasst uns wirklich über Impfstoffverteilung reden! Über globale Impfstoffverteilung! Es ist an der Zeit, dass die Bundesrepublik sich dafür einsetzt, dass der Vorschlag von Südafrika und Indien erfolgreich sein wird.

Zu viel bestellte Impfdosen: Was hier übrig bleibt, sollte anderswo genutzt werden können

In 2011 passierte mit Blick auf eine andere Pandemie etwas in Magdeburg, was inzwischen wohl größtenteils in Vergessenheit geraten ist: In einem Müllheizkraftwerk wurden 16 Millionen Impfdosen gegen die Schweinegrippe zerstört.

Was können wir jetzt bereits tun, damit am Ende nicht die Zerstörung von zu viel bestellten Impfdosen vom Impfdosen gegen das Coronavirus droht?

Lasst uns darüber reden, was die Bundesrepublik mit den zu viel bestellten Impfdosen vorhat und was getan werden kann, dass diese am Ende nicht zerstört werden müssen. Denn bislang wissen wir nicht, was die Bundesregierung mit den Impfdosen plant, die sie zu viel bestellt hat. Auch wenn wir aktuell weit davon entfernt sind, dass uns diese zur Verfügung stehen. Dies ist insbesondere mit Blick auf die globale Verteilung des Impfstoffes bereits jetzt eine relevante Frage.

 


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Verena Holtz

Verena Holtz ist Referentin für Gesundheit, Prävention, Rehabilitation und Bevölkerungsschutz beim Paritätischen Gesamtverband.

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