Der Lesben- und Schwulenverband Deutschlands wurde vor 30 Jahren am 18. Februar 1990 zunächst in der DDR gegründet. Bereits wenige Monate später war die DDR Geschichte und der LSVD wurde Gesamtdeutsch. Der Verband kann auf viele Erfolge zurückblicken. Bereits ab 1992 machte er sich stark für eine komplette Gleichstellung in der Ehe von schwulen und lesbischen mit heterosexuellen Paaren, die 2017 endlich erreicht wurde. Dennoch gibt es noch viel zu tun. Darüber sprachen wir mit Henny Engels, Mitglied des Bundesvorstandes des LSVD.

Frau Engels, der LSVD feiert in diesem Jahr sein 30-jähriges Bestehen. Glückwunsch noch einmal dazu. Warum hat sich der Verband damals eigentlich gegründet?

Herzlichen Dank für die Glückwünsche. Unser Verband hat sich 1990 in Leipzig als Schwulenverband in der DDR (SVD) gegründet und sich kurze Zeit später in Schwulenverband in Deutschland umbenannt. Seine Wurzeln hat er in der staatskritischen, unabhängigen schwulen Bürgerrechtsbewegung der DDR – damals noch unter dem Dach der evangelischen Kirche. Die Ziele sind Akzeptanz von Vielfalt, volle gesellschaftliche Teilhabe und Gleichberechtigung. Dafür leisten wir Überzeugungsarbeit, richten konkrete Lösungsvorschläge an die Politik und wollen dort Mehrheiten gewinnen. Dieser Bürgerrechtsansatz war 1990 auch für viele westdeutsche schwule Aktivisten viel- und erfolgsversprechend. Auf Initiative vieler engagierter Lesben wandelte sich der Schwulenverband dann 1999 zum Lesben- und Schwulenverband (LSVD). Seit über 20 Jahren treten wir also gemeinsam für Menschenrechte, Vielfalt und Respekt ein. Warum die Verbandsgründung? Denken Sie zurück: Vor 30 Jahren gab es in der Bundesrepublik noch den menschenrechtswidrigen § 175 StGB. Gleichgeschlechtliche Paare waren rechtlos, sie wurden vom Recht wie Fremde behandelt. Viele Positionen in Gesellschaft oder Politik waren offen lebenden Lesben und Schwulen de fac- to verschlossen, es gab Berufsverbote, z.B. für Schwule in der Bundeswehr. Wir waren rechtlich Bürgerinnen und Bürger zweiter Klasse. Das wollten wir ändern.

 

Seit 2017 können Lesben und Schwule nun heiraten. Ist damit die Gleichstellung erreicht, für die der LSVD seit Jahren gekämpft hat?

Unbestritten war die Öffnung der Ehe ein unglaublich großer Schritt in Richtung Gleichstellung. Ich muss daran erinnern, dass nach der Einführung der Eingetragenen Lebenspartnerschaft 2001 die zunehmende Gleichstellung bspw. im Steuerrecht, im Erbrecht oder dem Adoptionsrecht in unendlich vielen Schritten, zum Teil auch vor Gericht, erstritten werden musste. Die Öffnung der Ehe und damit die weitgehende Gleichstellung war das Ende eines unwürdigen und ermüdenden Prozesses.

Aber es bleiben noch offene Baustellen, z.B. im Abstammung- und Familienrecht. Zwar gibt es jetzt das gemeinschaftliche Adoptionsrecht, aber bei einem Kind, das in eine Zwei-Mütter-Familie geboren wird, kann eine gemeinsame rechtliche Elternschaft nur durch das langwierige Verfahren der Stiefkindadoption erreicht werden. Ich sehe nicht, wie das dem Kindeswohl dienen soll.

Das diskriminierende Transsexuellengesetz muss zugunsten echter Selbstbestimmung abgelöst werden, intergeschlechtliche Kinder müssen vor medizinisch nicht notwendigen geschlechtszuweisenden Operationen geschützt werden. Der Diskriminierungsschutz im Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) muss effektiver werden und wir wollen, dass auch im Grundgesetz endlich ein ausdrückliches Verbot der Diskriminierung wegen sexueller Identität verankert wird.

 

Mal abgesehen vom Corona-Virus: Welches Thema beschäftigt den Verband gerade besonders? Was ist die größte Baustelle?

Corona beschäftigt uns natürlich auch – wir haben auf unserer Website Tipps, Hinweise und Links zu Beratungs- und Unterstützungsangeboten für LSBTI und andere veröffentlicht.

Die größte Baustelle ist aus meiner Sicht die tatsächliche gesellschaftliche Akzeptanz und Gleichstellung im Alltag. Rechtliche Gleichstellung ist unbestritten wichtig und richtig – aber sie ist nicht alles. Um es mit einem Zitat eines schwulen Paares in der DDR zu sagen „Das Gesetz war gnädig, die Gesellschaft war es nicht“. Sätze wie „Nun sind wir Ihnen doch schon so weit entgegen gekommen...“ machen deutlich, dass LSBTI oft immer noch nicht als gleichwertige Mitglieder dieser Gesellschaft wahrgenommen und akzeptiert sind: Die rechtliche und gesellschaftliche Gleichstellung von LSBTI ist kein Gnadenakt, sondern die Umsetzung der Erkenntnis, dass die Würde aller Menschen und nicht nur die der Heterosexuellen unantastbar ist. In Zeiten, in denen Rechtsextremisten in den Parlamenten sitzen, Hetze und Hasskriminalität zugenommen haben, scheint mir dies wichtiger denn je. Um Werte wie Freiheit, Gleichheit und Respekt muss täglich neu gerungen werden.


Das Verbandsmagazin "Queer" des Paritätischen Gesamtverbandes © Der Paritätische

Dieser Artikel ist im Verbandsmagazin "Queer" des Paritätischen Gesamtverbandes erschienen.

In dieser Ausgabe beschäftigen wir uns mit den Bedürfnissen queerer Menschen und queerer Arbeit beim Paritätischen. Es gibt Reportagen und Berichte über Schwule und Lesben mit Behinderung, queeres Leben im Alter und auf der Flucht und über Aufklärungsarbeit in ungewöhnlicher Form. Wir haben Interviews über Prävention, queere Bildung, die erste queere KiTa in Berlin. Wir sprachen mit Christel über das Trans-Coming Out ihres Mannes und mit Queen of Drags-Teilnehmerin Vava Vilde über ihre Arbeit als Aktivistin. Unsere Journalistin hat sich außerdem in einer traditionsreichen queeren Einrichtung in Rostock umgeschaut.

Natürlich gehen wir auch ganz aktuell auf die Auswirkungen von Corona in der Wohlfahrt ein und haben dazu einige Stimmen eingesammelt. Und das Neueste aus dem Gesamtverband gibt es auch.

Autor*in

Portrait von Philipp Meinert

Philipp Meinert

Philipp Meinert verantwortet beim Paritätischen Gesamtverband den Bereich Presse und Redaktion. Für das Verbandsmagazin des Paritätischen Gesamtverbandes schreibt er Artikel und führt Interviews.

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