Für wohnungs- und obdachlose Menschen erschwert die Corona-Pandemie ihren sowieso schon extrem schwierigen Alltag noch einmal. Übernachtungsmöglichkeiten und andere Hilfsangebote schließen und im öffentlichen Raum werden sie mit noch mehr Skepsis betrachtet als sowieso schon. Wir sprachen mit Werena Rosenke. Sie ist seit 2018 Geschäftsführerin der BAG W, der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe mit Sitz in Berlin, über die aktuelle Situation und was man jetzt tun kann.

Frau Rosenke, wir alle sind angehalten, jetzt mehr daheim zu bleiben. Aber was machen Menschen, die keine Wohnung haben?

Menschen ohne Wohnung sind darauf angewiesen, sich im öffentlichen Raum, in Notunterkünften oder Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe aufzuhalten. Aber dort sind die Bedingungen nicht so, dass Abstandsregeln, Hygienemaßnahmen etc. eingehalten werden können. In ordnungsrechtlicher Unterbringung und in Notübernachtungen sind wohnungslose Menschen i. d. R. in Mehrbettzimmern untergebracht. Zwar gibt es Bemühung einzelner Kommunen, die Belegungssituation in den Unterbringungen zu entzerren, dieser Prozess ist aber bislang nicht flächendeckend in Gang gekommen. In einzelnen Bundesländern ist ein Aufnahmestopp für stationäre Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe verhängt worden. Wohnungslosen Menschen bleibt nun häufig nur noch ein Unterkommen in den bereits zu dicht belegten kommunalen Notunterkünften. Beratungsstellen mussten vielerorts ihr Angebot umstellen: Die Beratungskontakte können oft nur telefonisch oder online erfolgen. Das Fehlen des direkten Kontakts wird auf Dauer nicht gut gehen. Die Menschen benötigen die persönliche Beratung und Begleitung. Das Fehlen dieser Kontakte wird zu weiteren psychischen und physischen Belastungen der wohnungslosen Menschen führen.

Niedrigschwellige Angebote wie Tagestreffs, Mittagstische etc. waren im März, April und Mai zum Teil geschlossen oder konnten nur sehr reduziert Hilfe und Unterstützung anbieten. Das galt auch für die medizinischen Versorgungsangebote. Auf diese Angebote sind wohnungslose Menschen aber existenziell angewiesen.

Wir sehen also: Corona-Schutzmaßnahmen sind mit den Lebensumständen wohnungsloser Menschen kaum vereinbar. Besonders fatal ist: Wohnungslose Menschen sind eine gesundheitlich hoch belastete Bevölkerungsgruppe. Sie leiden häufiger als die Mehrheitsbevölkerung unter Mehrfacherkrankungen. Viele wohnungslose Menschen gehören also zur Corona-Risikogruppen. haben aber keine Chance Schutz durch den Rückzug in die eigene Wohnung zu finden.

 

Welche Probleme haben obdachlose Menschen darüber hinaus besonders in Corona-Zeiten?

Wichtige Einnahmequellen für wohnungslose Menschen sind versiegt: Das Sammeln von Pfandflaschen, der Verkauf von Straßenzeitungen und auch das Betteln waren in leergefegten öffentlichen Räumen kaum mehr möglich. Viele wohnungslose Menschen haben auch in normalen Zeiten Probleme mit der Bürokratie. Auch diese Probleme haben sich verstärkt: Wegen Behördenschließungen haben Betroffene Schwierigkeiten ihren ALG II-Tagessatz zu erhalten oder dringend benötigte Ausweispapiere zu beantragen, die aber wiederum Voraussetzung zur Beantragung von Sozialleistungen sind. Ein weiteres Problem sind die fehlenden Corona-Testungen für Klientinnen und Klienten und für Mitarbeitende der Einrichtungen. Häufigere Testungen wären für die wohnungslosen Men- schen und die Mitarbeitenden von Gemeinschaftsunterkünften eine wichtige Maßnahme, um einen frühzeitigen Infektionsschutz organisieren zu können.

 

Auf der anderen Seite gibt es die teilweise auch umgesetzte Forderung, Obdachlose in leerstehenden Hotels unterzubrin- gen. Ist das eine Lösung?

Inzwischen haben Kommunen begonnen kommunale Unterbringungsmöglichkeiten durch die Anmietung zusätzlicher Räumlichkeiten zur erweitern. Das ist ersteinmal positiv, aber natürlich sind Hotelzimmer auf Dauer keine Lösung. Ich denke, die Kommunen müssen, nachdem die Corona-Krise alle Sollbruchstellen des Systems der kommunalen Notunterbringung bloßgelegt hat, dezidierte Maßnahmen zur dauerhaften Versorgung wohnungsloser Menschen mit eigenen Wohnungen ergreifen. Schon in Vor-Corona-Zeiten hat die BAG Wohnungslosenhilfe dies gefordert und konkrete Vorschläge dazu unterbreitet, die Sie auf www.bagw.de finden.


Das Verbandsmagazin "Corona und die Wohlfahrt" des Paritätischen Gesamtverbandes © Der Paritätische

Dieser Artikel ist im Verbandsmagazin "Corona und die Wohlfahrt" des Paritätischen Gesamtverbandes erschienen.

Wie in vielen Bereiche hat sich auch für die Wohlfahrt der Alltag durch Corona faktisch über Nacht verändert, sowohl für die Einrichtungen und deren Mitarbeiter*innen als auch deren Klient*innen. Viele mussten ihr Angebot stark einschränken, umbauen oder ganz schließen. Die Verwaltungen mussten sich weitestgehend digital organisieren. Aber einige nutzten die Situation auch, um neue Ideen zu entwickeln. Auch davon wollen wir in dieser Ausgabe des Verbandsmagazins berichten.

Wir haben für unser Magazin Paritätische Mitglieder besucht, die nun Masken nähen und waren in Altenpflegeeinrichtungen, die Senior*innen, die gerade keinen Besuch bekommen können, mit viel Engagement und Herz unterhalten. Sie haben das Beste aus der Situation gemacht und viele tolle, kreative Ideen entwickelt. Wir fragen nach, wie Einrichtungen für Wohnungslose sowie Drogenabhängige mit dieser Situation umgehen und haben Fachartikel zu Kitas, Frauenhäusern und der Flüchtlingshilfe.

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Philipp Meinert

Philipp Meinert verantwortet beim Paritätischen Gesamtverband den Bereich Presse und Redaktion. Für das Verbandsmagazin des Paritätischen Gesamtverbandes schreibt er Artikel und führt Interviews.

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