Housing-First - so nennt sich ein vielversprechender Ansatz in der Wohnungslosenhilfe, der in Deutschland aber noch wenig zur Anwendung kommt. Er setzt das was Betroffene mit am dringendsten benötigen an die erste Stelle: Eine Wohnung. Ein richtiges Zuhause. Dann wird alles Weitere mit sozialarbeiterischer Unterstützung in Angriff genommen. Das Gemeinschaftsprojekt „Housing-First-Fonds“ des Paritätischen Wohlfahrtverbands NRW und seiner Mitgliedsorganisation Asphalt e.V./ fiftyfifty aus Düsseldorf, bringt den Ansatz in Nordrhein-Westfalen zu einer breiteren Anwendung. Finanziert wird der Ankauf der Wohnung auf eher ungewöhnliche Art und Weise: Über den Verkauf großer Kunst.

Zahl der Obdachlosen steigt

Die Zahl der von Obdachlosigkeit Betroffenen in ganz Deutschland steigt seit Jahren. Die Gründe sind so vielfältig wie die Biographien Betroffener: Trennungen, Tod von Familienmitgliedern, psychische Probleme, Sucht oder sonstige Schicksalsschläge die zu Geldsorgen führen – gerät das Leben aus den Fugen und ist die Wohnung erst einmal weg, ist der Weg zurück schwer. Gerade in großen Städten ist der Mietmarkt umkämpft: Vermieter*innen haben die freie Auswahl unter solventen Mieter*innen - Obdachlose haben kaum eine Chance. Bestehende Probleme verschlimmern sich durch die Lebensumstände. Der Unterschlupf in einer Notunterkunft ist genau das – nur eine Notlösung. Die Mehrbettzimmer sind nicht für alle eine Option, oft dürfen Hunde nicht mit reingenommen werden, es gibt Ärger mit anderen Nutzer*innen, Kriminalität untereinander, manch einer zieht da die Straße vor. Andere Wohnformen bieten oft nur zeitlich begrenzt einen Aufenthalt, oft gebunden an Auflagen wie beispielsweise Abstinenz. Ein Rückfall kann den Wohnraumverlust bedeuten. Der Druck ist dabei oft nicht förderlich und der „Drehtür-Effekt“, wie Housing-First Forscher Dr. Volker Busch-Geertsema ihn nennt, stellt sich ein: Vom Wohnheim wieder auf die Straße, in die Notunterkunft und alles beginnt von Neuem. Selbst wenn alles klappt und eine normale Wohnung in Aussicht steht, scheitert der Sprung oft am Mietmarkt.

Zuerst die Wohnung

Hier setzt Housing-First an. Der aus den USA stammende Ansatz kehrt das Vorgehen um: Als erstes bekommen Betroffene eine Wohnung mit einem unbefristeten Mietvertrag, mit allen Rechten und Pflichten. Sozialarbeiterische Hilfen stehen ihnen dabei wohnbegleitend zur Seite. Betroffene können zur Ruhe kommen und ihre Angelegenheiten mit Unterstützung regeln. Studien aus den USA und mehreren europäischen Ländern belegen: Housing-First beendet Wohnungslosigkeit langfristig und ist günstiger als die wiederholte Unterbringung in anderen Wohnformen.

Das Konzept bietet viele Vorteile – kommt in Deutschland aber bislang wenig zur Anwendung. Um das zu ändern startete der Paritätische Wohlfahrtsverband NRW zusammen mit seiner Mitgliedsorganisation Asphalt e.V./fiftyfifty aus Düsseldorf im November 2017 das Gemeinschaftsprojekt „Housing-First-Fonds“.

Christian Woltering, Geschäftsführer Paritätischer NRW, Julia von Lindern von fiftyfifty und NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann vor den gespendeten Bildern von Gerhard Richter bei der Vorstellung des Projekts im Landtag. © Ralph Sondermann

Vereine der Wohnungslosenhilfe werden zu Vermietern

Das Interesse an der Umsetzung des Ansatzes ist in der Wohnungslosenhilfe groß, oft mangelt es sozialen Vereinen aber am nötigen Kapital um selbst Wohnungen zu kaufen und so zum Vermieter zu werden. Hier gibt der Housing-First-Fonds Starthilfe. Auf die Mittel des Fonds können sich Vereine der Wohnungslosenhilfe aus NRW bewerben. Sie bekommen 20 Prozent des Ankaufspreises einer Immobilie aus dem Fonds geschenkt. Dies entspricht dem Eigenkapitalanteil, der meist für eine Finanzierung durch eine Bank vorausgesetzt wird. Auch Umbau- und Nebenkosten können aus dem Fonds gestellt werden. Darüber hinaus stellt das Projekt den Teilnehmer*innen eine fachliche Weiterbildung zur praktischen Umsetzung von Housing-First zur Verfügung. Die Methode wurde eigens im Rahmen des Projekts an der Fachhochschule Münster entwickelt. Wissenschaftlich evaluiert wird das Projekt unter der Federführung von Dr. Volker Busch-Geertsema. Das Konzept überzeugte auch das Land NRW: Die Projektdurchführung wird durch das Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales NRW noch bis Ende November 2020 gefördert.

Kunst wird zu Wohnraum

NRW-Sozialminister Karl-Josef Laumann stellte den Housing-First-Fonds im Landtag der Presse vor. Dabei wurde auch die Finanzierung des Fonds präsentiert – dieser speist sich aus eher ungewöhnlichen Mitteln: Über den Verkauf von Kunst. Gerhard Richter, einer der gegenwärtig höchstgehandelten Künstler weltweit, spendete dem Projekt eine Sonderedition. 18 Kunstdrucke seiner abstrakten „Cage“ Reihe, im Gesamtwert von ca. 1,2 Millionen Euro, stehen für den Fonds zur Verfügung. fiftyfifty verkauft die Werke über die eigene Benefizgalerie. Der Verein brachte in Sachen Kunst und Umsetzung von Housing-First Erfahrungswerte in das Projekt ein. Ein Großteil seiner Arbeit finanziert er über Kunstspenden, auch die eigene Umsetzung von Housing-First. Nach der Pressevorstellung des Projekts im Landtag waren die ersten Werke schnell vergriffen und der Fonds gut gefüllt – was schon über 20 Kooperationspartnern quer durch NRW zugute kam. So konnte bislang Wohnraum für fast 60 Menschen geschaffen werden, die schon jahrelang keine Aussicht auf eine normale Wohnung hatten. Es sollen noch mehr werden. Aktuelle Infos, Entwicklungen, Kooperationsbedingungen und die Übersicht über alle Projektpartner im Projekt: www.housingfirstfonds.de


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Portrait von Mona Monsieur

Mona Monsieur

Mona Monsieur ist beim Paritätischen NRW für die Öffentlichkeitsarbeit im Projekt Housing-First-Fonds zuständig und hat ihren Dienstsitz bei fiftyfifty in Düsseldorf.

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