In ländlichen Strukturen hängt die Auswahl der Arbeit auch davon ab, ob man sie örtlich erreichen kann. Die INI in Lippstadt und die Losheimer Arbeitsmarktinitiative schaffen als gemeinnützige Vereine Perspektiven für Arbeitslose im ländlichen Raum. Hier weiß man: Jobsuchende haben es in ländlichen Strukturen nicht leicht.

Zu Zeiten von Corona ist im Veranstaltungsraum Kasino weniger los, da hilft Aylin (Mitte) auch mal in der Küche aus. © Annabell Fugmann

Aylin hat mit ihren 22 Jahren schon einiges ausprobiert. Ihre Ausbildung in Paderborn zur Kinderpflegerin hat sie abgebrochen, nach einem FSJ wohnte sie in Geseke im Kreis Lippstadt und bekam einen Schulplatz für eine Ausbildung zur Altenpflegerin. Da hatte sie keine Möglichkeit mit dem Bus hin zu kommen. Nach einer weiteren abgebrochenen Ausbildung absolvierte die junge Frau eine berufsvorbereitende Maßnahme in Lippstadt bei der Initiative für Jugendhilfe, Bildung und Arbeit (INI). Hierüber entschied sie sich auch zu einer Ausbildung zur Restaurantfachfrau. Später plagten die junge Frau erneut Zweifel: „Eigentlich wollte ich abbrechen, aber ich wurde überredet“, sagt sie. Eine Lehrkraft bestärkte sie dabei, durchzuhalten.

Beratung und lernen in einem Verbund: „Wir haben die INI für uns als Verbundsystem ausgebaut“, verrät dazu Geschäftsführer Andreas Knapp. Bei dem gemeinnützigen Verein gibt es viele Angebote, um Perspektiven zu schaffen, sodass ein junger Mensch langfristig betreut wird und Schritte von Beratung über Schulabschluss sowie Ausbildung in einer Institution absolvieren kann. Die Betreuung ist so ganzheitlicher. Und Menschen wie Aylin werden vielleicht nochmal aufgefangen, bevor sie „hinschmeißen“. So wie andere Jugendliche mit erhöhtem Förderbedarf.

Der gemeinnützige Verein sei 1983 für den Zweck entstanden, Jugendlicher Arbeitslosigkeit entgegenzuwirken. Damals habe die Arbeitslosigkeit von jungen Menschen im zweistelligen Bereich gelegen, so Knapp. Es folgten verschiedene Bezeichnungen der Arbeitsämter und Fördermittel, unterschiedliche Maßnahmenpakete kamen, wie die Förderung von Second-Hand-Läden und Möbelkammern. Andere Maßnahmen und Förderungen wurden eingestellt. Generell würden sich laut Knapp die Maßnahmen des Jobcenter für ländlichen Raum nicht von jenen in städtischen Ballungsgebieten unterscheiden. Nur gebe es auf dem Land die Problematik, dass Angebote manchmal aufgrund von einer zu geringen Teilnehmerzahl nicht stattfinden könnten.

Arbeitslose sind auf dem Land mehr stigmatisiert

Bei der INI arbeiten mittlerweile 450 Mitarbeiter, 100 davon sind Menschen mit Beeinträchtigungen. Kindergärten, Schulen und verschiedene Geschäfte über einen Radreparaturladen bis hin zum Gutshof Warstein gehören zur INI sowie Beratungsangebote und Jugendsozialarbeit. Ein Berufskolleg mit 600 Schüler*innen ist in dem Gebäudekomplex in Lippstadt integriert, sowie das Veranstaltungsgebäude „Kasino“, wo Aylin arbeitet.

Dabei kommen viele der Mitarbeiter oder Schüler aus dem ländlich geprägten Umkreis. Patrick (28) arbeitet in der Küche des Kasinos. Sein Heimatdorf hat knapp 1000 Einwohner*innen. „Man muss in die Städte rein, um eine Ausbildung zu bekommen“, sagt er. Schwierig sei dabei: Gerade im Veranstaltungsbereich hat man Feierabend, wenn andere schlafen. Der öffentliche Nahverkehr sei für solche Menschen nicht ausreichend. Patrick braucht ein Auto. Und Aylin? „Ich werde dann abgeholt“, verrät sie. Zu regulären Uhrzeiten fährt die 22-Jährige sonst eine Stunde mit Bus und Bahn zur Arbeit, wobei sie mit dem Auto nur 20 Minuten bräuchte. Das ärgert sie.

Die Jobangebote treiben die Menschen aus ihren Orten heraus, wobei der ÖPNV nicht genügend Verbindungen bereitstelle. Das weiß auch Geschäftsführer Andreas Knapp. „Wir haben im ländlichen Raum die Schwierigkeiten, dass die Menschen nicht wissen, wie sie hier hinkommen sollen.“ Es gebe Ortschaften, in denen „nur zwei Mal am Tag ein Bus fährt“. Etwas besser sei es geworden, so gebe es mittlerweile sogar zwei Haltestellen mit dem Namen der INI vor der Haustüre, dennoch gebe es noch großen Verbesserungsbedarf. Dies sei ein entschiedener Nachteil des Wohnens in ländlichen Strukturen. Ein anderer Nachteil sei aufgrund von fehlender Anonymität zudem die Stigmatisierung von Arbeitslosen. Knapp sieht aber auch viele Vorteile beim Leben auf dem Land: wie dem günstigeren Wohnungsmarkt oder die schöne Landschaft.

Wegen der Krise in Kurzarbeit (v.l.): Luigi, Patrick und Aylin © Annabell Fugmann

Kurze Wege und lange Betreuungszeiten sind ein Vorteil

Weiter südlich in Deutschland, in Losheim in Saarland, kennt Werner Staub von der Arbeitsmarktinitiative die Begebenheiten für Arbeitslose fernab von Städten sehr gut. „Einige Menschen kommen zu uns und fragen, hast du nicht einen Job für mich, mir fällt die Decke auf den Kopf“, berichtet der Sozialarbeiter. Schließlich fällt auf dem Land noch mehr ins Gewicht, dass man keine Beschäftigung hat. Es ist einfach weniger los.

1995 wurde der Verein Losheimer Arbeitsmarktinitiative wegen der Auflösung einer Großfirma mit Fertighausproduktion gegründet. Zudem forderte der damalige, sozial ausgerichtete Bürgermeister, eine Initiative für Arbeitslose zu gründen. Zunächst entstand unter anderem ein touristisches Projekt für eine Ferienwohnungssiedlung in ökologischer Bauweise am örtlichen Stausee – fachlich passend für ehemalige Mitarbeiter*innen der Fertighausfirma, aber auch Secondhandläden sowie Möbelkammern. In Reaktion auf den Flüchtlingsstrom 2015 habe man kurzerhand 30 Leute über eine neue Näherei beschäftigen können, erinnert sich Staub. Heute gibt es neben Sozialkaufhäusern, Secondhand-Lländen und Möbelkammern (und vieles mehr) auch eine Metallwerkstatt.

Staub sieht einen entschiedenen Vorteil seiner Arbeit auf dem Land, den städtische Kollegen vielleicht nicht haben: Die Mitarbeiter der Arbeitsmarktinitiative kennen die Mitarbeiter vom Jobcenter, die örtlichen Arbeitgeber sowie ihre Klienten über Jahre hinweg. „Wir können auf die Personen die Maßnahmen zuschneiden und wissen, wie die Leute stabilisiert werden müssen“, meint der Sozialarbeiter. So könnten einzelne Klienten langfristig betreut werden, auch bei kurzfristigen Anstellungen gebe es Nachbetreuungen. Andersherum vertrauen Arbeitgeber auf seine Empfehlungen.

Corona: Viele Auszubildende im Gastronomiegewerbe haben Angst um Perspektiven

Jetzt in der Corona-Krise sei die Arbeitslosenquote in Losheim leicht angestiegen, weiß Staub. In Lippstadt bei der INI hat Geschäftsführer Knapp im Shutdown Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken müssen. Aylin ist als Azubine im Veranstaltungsbetrieb ebenfalls betroffen. Einige ihrer Mitschüler*innen brechen nun die Ausbildung ab, weil sie aufgrund von Corona und der wegbrechenden Betriebe keine Zukunft in der Branche sehen. „Wäre das mein erstes Jahr, würde ich auch aufhören“, sagt Aylin. Jetzt, im dritten Jahr, zieht sie durch, obwohl die 22-Jährige Angst vor fehlenden Jobperspektiven hat. Die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen ist zwar relativ gering, sagt Knapp, aber sie steigt. Gerade in Zeiten von Corona hätten die jungen Menschen Schwierigkeiten bei der Jobsuche, die oftmals über Zeitarbeitsfirmen an ihre Ausbildungen gelangten.


Das Verbandsmagazin "Stadt und Land" des Paritätischen Gesamtverbandes © Der Paritätische

Dieser Artikel ist im Verbandsmagazin "Stadt und Land" des Paritätischen Gesamtverbandes erschienen.

Wer mit offenen Augen durch unsere Städte geht, findet sie häufig: Einrichtungen der Wohlfahrt. Beratungsstellen, Kitas oder Senior*innenheime. Sie gehören ins Stadtbild. Aber wie sieht es in dünn besiedelten Gebieten aus? Darum dreht sich alles in der aktuellen Ausgabe unseres Verbandsmagazins "Stadt und Land."

Wir besuchen Internetkurse für Ältere, Arbeitsmarktinitiativen, Drogenhilfe und Schwangerschaftsberatungen - alles im ländlichen Raum. Wir fragen nach, welche Vor- aber auch Nachteile das Paritätische Arbeiten jenseits der Metropolen haben kann. Wir interviewen Paritäter*innen aus den Landesverbänden und Mitglieder aus der Migrationsberatung und stellen uns die Frage nach der kommunalen Daseinsvorsorge.

Außerdem berichten wir über Housing First, warum kleinere Krebsberatungsstellen aufatmen können und Inklusion in Corona-Zeiten besonders wichtig ist. Es gibt Details zur Kampagne "Hartzfacts"  und Neuigkeiten von unserem Digitalisierungsprojekt. Und natürlich informieren wir auch wieder über wichtige Termine und Neuerscheinungen.

Autor*in

Annabell Fugmann

Annabell Fugmann ist selbstständige Journalistin.

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