Ein Kommentar zum SCQEG und dem Wandel des Bildungsverständnisses in der Kindertagesbetreuung.

Mit dem geplanten Kita-Startchancen- und Qualitätsentwicklungsgesetz (SCQEG) verbindet die Bundesregierung das Ziel, Bildungsgerechtigkeit frühzeitig zu verbessern und die Qualität der Kindertagesbetreuung weiterzuentwickeln. Sprachförderung und die gezielte Unterstützung von Kindern in herausfordernden Lebenslagen sollen dazu beitragen, dass Kinder unabhängig von ihrer Herkunft bessere Bildungs- und Entwicklungschancen erhalten.

Dieses Ziel ist begrüßenswert. Dennoch wirft der Gesetzentwurf eine grundlegende bildungspolitische Frage auf: Welches Verständnis von Bildung liegt der Weiterentwicklung des Systems der Kindertagesbetreuung künftig zugrunde? Und welche Folgen hat dies für die Entwicklung von Kindern?

Ein Paradigmenwechsel in der frühen Bildung

Die Kindertagesbetreuung in Deutschland war bisher von einem breiten Bildungsverständnis geprägt. Der Förderauftrag nach § 22 SGB VIII richtet den Blick auf die soziale, emotionale, körperliche und geistige Entwicklung des Kindes. Bildung wird dabei nicht als das Erreichen einzelner Kompetenzen verstanden, sondern als ein ganzheitlicher Prozess, der sich in Beziehungen, im Spiel, in Beteiligung und in der aktiven Auseinandersetzung mit der Umwelt vollzieht.

Mit dem SCQEG zeichnet sich nun ein anderer Akzent ab. Der Gesetzentwurf rückt die Erfassung, Förderung und Beobachtung einzelner Kompetenzen stärker in den Mittelpunkt. Die ausdrückliche Hervorhebung von Sprachkompetenz, Selbstregulationsfähigkeit und mathematischen Fähigkeiten sowie die Einführung neuer Verfahren zur Kompetenzfeststellung zeigen, dass die Steuerung des Systems künftig stärker an messbaren Entwicklungsergebnissen orientiert werden soll.

Damit hält eine Logik Einzug, die andere Bildungsbereiche schon seit Jahren prägt: Standardisierung, Vergleichbarkeit, Evaluation und Outcome-Orientierung. Was auf den ersten Blick vernünftig erscheint, ist auf den zweiten Blick kontraproduktiv.

Das Bildungsparadox

Denn genau hier entsteht ein bemerkenswerter Widerspruch. In politischen Programmen und fachlichen Leitbildern wird regelmäßig betont, dass Kindertageseinrichtungen Orte des Wohlbefindens, der Inklusion, der Partizipation und der Persönlichkeitsentwicklung sein sollen. Kinder sollen Selbstvertrauen entwickeln, Gemeinschaft erleben und die Möglichkeit haben, ihre Welt aktiv zu erkunden und mitzugestalten.

Die Instrumente, mit denen diese Ziele erreicht werden sollen, folgen jedoch zunehmend einer anderen Logik. Im Mittelpunkt stehen Datenerhebung, Kompetenzfeststellung und die Überprüfung von Entwicklungsergebnissen. Bildung wird dadurch tendenziell auf das reduziert, was beobachtet, dokumentiert und gemessen werden kann. So entsteht ein bildungspolitisches Paradox: Während die Sprache der Bildungspolitik von Wohlbefinden, Selbstbestimmung und ganzheitlicher Entwicklung geprägt ist, erfolgt die Steuerung der Systeme zunehmend über Standardisierung, Rechenschaftspflichten und Kompetenzmessung.

Worauf es in Bildung wirklich ankommt

Ein modernes und menschenrechtsorientiertes Bildungsverständnis stellt andere Fragen. Nicht „Welche Kompetenzen beherrschen Kinder bereits?“ sollte im Zentrum stehen, sondern: „Welche Bedingungen benötigen Kinder, um sich entfalten und lernen zu können?“

Internationale Debatten über Bildung und Lernen betonen dabei vier Dimensionen:

  • Würde: Kinder werden als eigenständige und vollwertige Menschen anerkannt.
  • Handlungsfähigkeit (Agency): Kinder können ihr Leben und Lernen aktiv mitgestalten.
  • Zugehörigkeit: Kinder erleben Gemeinschaft, Sicherheit und Anerkennung.
  • Sinn: Lernen steht in Zusammenhang mit ihrer Lebenswelt und ihren Erfahrungen.

Diese Dimensionen entstehen nicht primär durch Tests oder Förderpläne. Sie wachsen in Beziehungen, durch Mitbestimmung, durch Spiel, durch Zeit und durch die Erfahrung, ernst genommen zu werden. Gerade diese Voraussetzungen geraten jedoch leicht aus dem Blick, wenn die Aufmerksamkeit des Systems vor allem auf einzelne Kompetenzen gerichtet wird.

Symptome statt Ursachen?

Das SCQEG stellt die Symptome von Bildungsbenachteiligung in den Mittelpunkt, ohne die Ursachen zu adressieren. Der Gesetzentwurf konzentriert sich stark auf die Feststellung und Förderung bestimmter Kompetenzen. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhalten die Bedingungen, unter denen Lernen überhaupt stattfindet: die Qualität pädagogischer Beziehungen, Zeit für Interaktion, materielle Sicherheit, soziale Teilhabe, gute Fachkraft-Kind-Relationen oder die Lebenslagen von Familien.

Doch Bildungsungerechtigkeit entsteht nicht in erster Linie dadurch, dass Kinder bestimmte Kompetenzen nicht besitzen. Sie entsteht durch Armut, ungleiche Ressourcenverteilung, Diskriminierung, eingeschränkte Teilhabechancen und unterschiedliche Lerngelegenheiten. Unterschiede in Sprachentwicklung oder Selbstregulationsfähigkeit sind häufig Ausdruck dieser ungleichen Voraussetzungen – nicht deren Ursache.

Wer vor allem auf das Outcome blickt, riskiert deshalb, strukturelle Probleme zu individualisieren. Das Defizit erscheint dann beim Kind, während die gesellschaftlichen und institutionellen Ursachen von Bildungsungleichheit in den Hintergrund treten.

Die Gefahr einer schleichenden Verschulung

Die besondere Stärke der Kindertagesbetreuung bestand bislang darin, dass sie sich bewusst von schulischen Steuerungslogiken unterschied. Kitas sind Orte des Spiels, der Beziehungsgestaltung, der Partizipation und der ganzheitlichen Entwicklung. Lernen erfolgt dort nicht entlang von Fächern, Standards und Leistungsvorgaben.

Mit seiner stärkeren Orientierung an Basiskompetenzen, Entwicklungsfeststellungen und Fördermaßnahmen birgt das SCQEG die Gefahr, diese Eigenständigkeit schrittweise aufzuweichen. Kindertageseinrichtungen könnten zunehmend als vorgelagerte Institutionen des Schulsystems verstanden werden – mit entsprechenden Erwartungen an Messbarkeit und Zielerreichung.

Chancengerechtigkeit braucht gute Bedingungen

Das zentrale Anliegen des SCQEG – bessere Chancen für alle Kinder – verdient Unterstützung. Fraglich ist jedoch, ob dieses Ziel durch eine stärkere Vermessung von Kindern erreicht werden kann.

Ein wirklich chancengerechter Ansatz würde stärker danach fragen, welche Voraussetzungen Kinder benötigen, um ihr Potenzial zu entfalten. Gute Bildung entsteht nicht in erster Linie durch die Messung von Kompetenzen, sondern durch förderliche Bildungsbedingungen: verlässliche Beziehungen, Zugehörigkeit, Selbstwirksamkeit, Zeit zum Spielen und Entdecken sowie ausreichend Ressourcen für pädagogische Fachkräfte.

Der eigentliche Prüfstein für die Weiterentwicklung der Kindertagesbetreuung liegt daher nicht in der immer präziseren Erfassung kindlicher Entwicklung, sondern in der Frage, ob es gelingt, Rahmenbedingungen zu schaffen, die Würde, Handlungsfähigkeit, Zugehörigkeit und sinnvolle Bildungserfahrungen für alle Kinder ermöglichen.

Autor*in

Portrait von Niels Espenhorst

Niels Espenhorst

Niels Espenhorst ist Referent für Kindertageseinrichtungen beim Paritätischen Gesamtverband.

Alle Artikel