Eine systemische Perspektive ist ein wichtiger Blickwinkel und Ansatzpunkt in der Sozialen Arbeit. Doch auf welche Systeme schauen wir genau? Und was verändert sich, wenn wir den Blick weiten und das Ökosystem mit betrachten? Diese und weitere Fragen haben wir in einem internen Workshop mit Dr. med. Kristin Köhler und Kolleg*innen aus dem Gesamtverband und einiger Landesverbände im Rahmen des Projektes „WIRksam: gemeinsam Nachhaltigkeit gestalten“ diskutiert und viel Inspiration für unseren Arbeitsalltag mitgenommen. 

Unsere Beziehung zur Natur

Seit der Industrialisierung haben wir Menschen zunehmend die Verbindung zu Natur - oder vielmehr unserer natürlichen Mitwelt, denn auch wir sind Teil davon – verloren. Wir nehmen Natur als Objekt war, das es zu beherrschen und zu regulieren gilt: Wir wollen CO2-Emissionen reduzieren und das Klima retten – und sitzen dabei an unseren Laptops. Natur hat ihre Lebendigkeit für uns verloren. Wir streben einen nachhaltigen Umgang mit der Natur an, in dem wir Ressourcen so nutzen, dass sie sich wiederherstellen lassen. Ein Nullsummenansatz. Sich wieder mit der Natur zu verbinden, sich als Teil davon zu verstehen und Natur als wertvolles Subjekt wahrzunehmen kann zu einer regenerativen Perspektive führen. Regeneration meint dabei die Fähigkeit zur Erneuerung und Transformation und zielt darauf ab, Räume zu schaffen, in denen etwas Neues entstehen kann.

Regenerative Strategien

Als Individuen, Teams und Führungskräfte können wir viele Strategien von der Natur lernen.  

  1. Resonanz: Resonanz beschreibt die Qualität lebendiger Beziehungen zwischen Menschen, zu sich selbst und zur Umwelt. Resonanz steigert das Engagement und psychische Sicherheit. Die Pflege von Beziehungen und Netzwerken sollte deshalb als wesentlicher Bestandteil der Arbeit verstanden werden. Wie wichtig und erfolgversprechend Kooperationen sind, können wir von den Ameisen lernen: radikale Kooperation, klare Aufgabenverteilung, gegenseitiges Vertrauen und volle Ausrichtung auf das Gemeinsame ermöglicht ihnen das Arbeiten und Leben in stabilen Systemen und einen souveränen Umgang mit Herausforderungen und Krisen.   

  2. Rhythmus: Der Rhythmus der Natur von Tag und Nacht oder den vier Jahreszeiten lässt sich auch auf unser Arbeiten übertragen. Gesunde Organisationen folgen Zyklen – von Aufbau, Reife, Krise, Loslassen bis zur Erneuerung. Wenn wir Leistung und Wachstum nicht als linear verstehen, sondern Pausen zur Regeneration nutzen, können wir unsere Energie länger aufrechthalten, ohne auszubrennen. Besonders das Loslassen fällt uns häufig schwer, doch schauen wir auch hier in die Natur: Die Schlange häutet sich, weil die alte Haut Wachstum verhindert. Bäume werfen im Herbst ihre Blätter ab, um Kraft zu sammeln. Knospen sprengen ihre Hülle, damit Neues entstehen kann.  

  3. Responsability (Verantwortung): Verantwortung hängt eng mit Fürsorge zusammen, für uns, für andere, für Systeme. Verantwortung wird in degenerativen Systemen individualisiert und überladen. In einer regenerativen Organisationsstruktur wird Verantwortung hingegen bewusst verteilt, klug reduziert und Rollen, Ressourcen und Erwartungen klar kommuniziert. Care (Fürsorge) ist ein wesentlicher Bestandteil der gegenseitigen Verantwortungsübernahme, wie wir es bei den Elefanten lernen können: Elefantenherde überleben durch Fürsorge, nicht durch Dominanz. Ohne Care verliert das System Bindung, Richtung und Sinn.  

  4. Regeneration: Regeneration ist mehr als Anpassung, sie ist eine neue Antwort. Regeneration heißt nicht kontrollieren, sondern Möglichkeitsräume öffnen, in denen gemeinsam Neues entwickelt werden kann. Fehler und Krisen werden als Wandlungsimpuls genutzt. Diese Strategie braucht Mut und Offenheit, loszulassen und sich auf Neues einzulassen. Wie macht das die Natur? In Wäldern beispielsweise schaffen Bäume Platz für neue Pflanzen, die dort ihren Raum finden und gedeihen können. Auch Führungskräfte sollten Raum für Erneuerung schaffen, indem sie Pausen, Reflexionszeiten und Freiräume für kreative Entfaltung ermöglichen.  

Die Natur mit ihren 3,8 Milliarden Jahren Erfahrung steckt voller kluger und innovativer Ideen, sich anzupassen und Neues entstehen zu lassen. Schauen wir genau hin und lassen uns von ihr inspirieren!

Quelle

Köhler, Kristin (2025): Future skills: Nachhaltiges und naturbasiertes Ressourcen- und Stressmanagement. Mentale Gesundheit im Sinne von Planetary Health. Berlin: Springer Verlag.

Autor*in

Portrait von Lisa Dörfler

Lisa Dörfler

Lisa Dörfler ist Referentin für Klimaschutz und Nachhaltigkeit.

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