In einem breiten Bündnis fordert der Paritätische gemeinsam mit anderen Akteuren, Klimaschutz und Klimaanpassung konsequent mit Kinderschutz zusammenzudenken und den jungen Generationen den Schutz ihrer Kinderrechte zu gewährleisten. Im Gespräch mit Aline Schneider-Sailler, der Geschäftsführerin des Kinderschutz-Zentrums Dortmund, erklärt sie uns, wie die Hitzewellen des Sommers ihre Arbeit beeinflusst haben und was sie sich von der Politik wünscht.
Welche besonderen Herausforderungen sehen Sie mit Blick auf den Kinderschutz bei Hitze?
Wir beobachten, dass Hitze häufig noch als Gesundheits- oder Umweltthema betrachtet wird. Aus Sicht des Kinderschutzes greift das zu kurz. Kinder gehören zu den besonders vulnerablen Gruppen bei Hitze. Sie können ihre Bedürfnisse nicht immer selbst wahrnehmen und sind darauf angewiesen, dass Erwachsene sie schützen. Das betrifft ausreichendes Trinken, Schutz vor Überhitzung, kühle Rückzugsorte und eine verlässliche Fürsorge. Fachlich ist gut belegt, dass Säuglinge, Kleinkinder und gesundheitlich vorbelastete Kinder besonders gefährdet sind.
Aus unserer Perspektive wird es dann besonders relevant, wenn Hitze auf bereits bestehende Belastungen trifft. Viele der Familien, die wir begleiten, leben unter hohem Stress. Sie kämpfen mit finanziellen Sorgen, psychischen Belastungen oder den Folgen von Gewalt. Wenn dann über Tage oder Wochen Temperaturen von über 30 Grad herrschen, verschärft das häufig die Situation.
Wir denken dabei beispielsweise an die Mutter mit zwei kleinen Kindern in einer Dachgeschosswohnung ohne Balkon oder Grünfläche in der Nähe. Fachlich wissen wir alle, was sinnvoll wäre: morgens lüften, tagsüber verschatten, viel trinken, kühle Orte aufsuchen. Aber was bedeutet das konkret, wenn die Wohnung sich bereits morgens aufheizt, kein Auto zur Verfügung steht, das nächste Schwimmbad überfüllt ist und die Mutter selbst erschöpft ist? In solchen Situationen wird deutlich, dass Hitzeschutz keine rein individuelle Aufgabe sein kann.
Wie hat sich die Hitze dieses Sommers auf die Situation der Familien ausgewirkt?
Hitze wirkt selten als isolierter Belastungsfaktor. Sie verstärkt vielmehr vorhandene Schwierigkeiten. Familien berichten von Schlafmangel, Erschöpfung, Gereiztheit und einem erheblich höheren Stressniveau. Kinder schlafen schlechter, sind schneller überfordert und reagieren häufiger mit Rückzug oder Konflikten. Gleichzeitig nimmt die Belastbarkeit der Eltern ab.
In unserer Arbeit erleben wir regelmäßig Familien, in denen bereits die Bewältigung des Alltags enorme Kraft kostet. Wenn dann mehrere heiße Tage hintereinander hinzukommen, fehlen oft die Ressourcen, um zusätzliche Schutzmaßnahmen zu organisieren. Gerade Familien in kleinen Wohnungen ohne Garten, Balkon oder schattige Grünflächen haben deutlich weniger Möglichkeiten, sich der Hitze zu entziehen.
Die Diskussion darf nicht bei der Verantwortung einzelner Familien stehen bleiben, sondern muss die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in den Blick nehmen.
Darüber hinaus sehen wir die Gefahr, dass soziale Ungleichheit durch Hitzewellen weiter zunimmt. Familien mit ausreichend Wohnraum, Verschattung und Zugang zu kühlen Orten können sich deutlich besser schützen als Familien in prekären Wohnsituationen. Damit wird Hitze auch zu einer Frage von Chancengerechtigkeit und Teilhabe.
Wie haben die Hitzewellen Ihre Arbeit im Kinderschutz-Zentrum beeinflusst? Konnten Ihre Beratungsgespräche mit Familien wie geplant stattfinden?
Erfreulicherweise konnten wir unsere Arbeit weitgehend aufrechterhalten. Obwohl wir Familien ausdrücklich angeboten haben, Termine zu verschieben, sind nur wenige Gespräche ausgefallen. Das zeigt auch, wie hoch der Unterstützungsbedarf vieler Kinder, Jugendlicher und Familien ist. Wer Gewalt erlebt hat oder sich in einer akuten Krisensituation befindet, verschiebt einen Termin oft nicht, nur weil es draußen 35 Grad hat.
Gleichzeitig haben wir deutlich gespürt, dass Hitze Einfluss auf Beratungs- und Therapieprozesse nimmt. Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene kommen erschöpfter in Gespräche. Die Konzentrationsfähigkeit sinkt, emotionale Belastungen werden teilweise stärker erlebt und längere therapeutische Prozesse können anstrengender sein.
Deshalb haben wir verstärkt auf flexible Formate gesetzt und Beratungen teilweise telefonisch oder per Video durchgeführt. Aktuell bauen wir zudem unsere Mail- und Chatberatung weiter aus. Dadurch können Familien Unterstützung erhalten, ohne bei großer Hitze weite Wege zurücklegen zu müssen.
Gleichzeitig müssen wir ehrlich sagen: Gerade therapeutische Arbeit lebt vom persönlichen Kontakt. Insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, die Gewalt erlebt haben, ist Beziehung ein zentraler Wirkfaktor. Digitale Angebote sind eine wichtige Ergänzung, aber kein vollständiger Ersatz für persönliche Begegnungen.
Welche fachlichen Debatten müssen Ihrer Ansicht nach auf jeden Fall dringend geführt werden?
Aus unserer Sicht muss die zentrale fachliche Debatte lauten: Welche Folgen hat die Klimakrise für den Kinderschutz?
Diese Frage wird bislang viel zu selten gestellt. In der Fachwelt wird über Hitzeschutz, Klimaanpassung und Gesundheitsvorsorge diskutiert. Gleichzeitig wird noch zu wenig darüber gesprochen, welche Auswirkungen extreme Wetterlagen auf familiäre Belastungen, auf die Entwicklung von Kindern und auf die Arbeit von Schutz- und Hilfesystemen haben.
Wir sollten stärker darüber diskutieren, ob Begrünung, Schattenflächen, zugängliche Parks, klimafreundliche Quartiere und öffentliche kühle Orte nicht auch als präventive Kinderschutzmaßnahmen verstanden werden müssen. Denn für ein Kind macht es einen enormen Unterschied, ob es im Sommer einen schattigen Spielplatz in der Nähe hat oder ob es den gesamten Tag in einer aufgeheizten Wohnung verbringen muss.
Außerdem stellt sich die Frage, wie soziale Einrichtungen zukünftig handlungsfähig bleiben. Wenn Hitzewellen häufiger und intensiver werden, brauchen Beratungsstellen, Jugendhilfeeinrichtungen, Kitas, Schulen und therapeutische Angebote entsprechende Anpassungsstrategien.
Was sind Ihre Forderungen an die Politik?
Unsere wichtigste Forderung ist, Kinder konsequent in allen Hitzeschutzmaßnahmen mitzudenken.
Dazu gehören aus unserer Sicht verbindliche Hitzeschutzkonzepte, Investitionen in die soziale Infrastruktur und eine stärkere Unterstützung besonders belasteter Familien. Öffentliche Grünflächen, Bäume, Schattenplätze und niedrigschwellige kühle Aufenthaltsorte sind keine Luxusangebote, sondern wichtige Bausteine für Gesundheit, Teilhabe und Kinderschutz.
Darüber hinaus müssen soziale Einrichtungen in die Lage versetzt werden, ihre Arbeit unter veränderten klimatischen Bedingungen zuverlässig fortzuführen. Viele Einrichtungen arbeiten bereits jetzt unter erheblichen finanziellen Einschränkungen.
Wir selbst sind beispielsweise in hohem Maße auf Spenden angewiesen. Größere Investitionen in technische Kühlung oder bauliche Anpassungen können von vielen freien Trägern nicht aus eigener Kraft finanziert werden. Gleichzeitig erwarten Politik und Gesellschaft zu Recht, dass Beratungs- und Therapieangebote auch während extremer Hitze uneingeschränkt zur Verfügung stehen.
Deshalb lautet unsere politische Forderung:
Wenn Kinderschutz auch unter den Bedingungen des Klimawandels verlässlich funktionieren soll, dann müssen die Einrichtungen, die ihn leisten, dafür finanziell und strukturell ausgestattet werden. Schutzkonzepte allein reichen nicht aus. Sie müssen auch umsetzbar sein.