Die Resilienz einer Gesellschaft beweist sich auch in der Funktionsfähigkeit ihrer sozialen Einrichtungen, schreibt die Geschäftsführerin des Paritätischen Gesamtverbandes. Deren alltägliche Probleme würden allzu oft nicht ernst genommen. Dabei seien sie es, die das Bild eines Landes im Alltag charakterisieren.
Wenn eine Gesellschaft Krisen aushalten soll, braucht sie Orte, an denen Zusammenhalt jeden Tag gelebt wird. Die Wohlfahrt schafft solche Orte, und doch steht sie zunehmend selbst unter Druck. Menschen in Krisen landen bei sozialen Einrichtungen und Diensten. Auf ein Problem weisen die Stimmen der Praxis schon lange hin: Die gesetzlichen Vorgaben auf dem Papier passen oft nicht zur Wirklichkeit des Alltags: Eine Frau, die vor ihrem gewalttätigen Partner ins Frauenschutzhaus flieht, hat selten die richtigen Unterlagen dabei, und amtlich aufgelöst ist ihre Bedarfsgemeinschaft auch noch nicht, auch wenn das für die Finanzierung der sozialen Leistung relevant ist. Oftmals müssen die Fachkräfte erst Grundsicherungsanträge ausfüllen, bevor die eigentliche Hilfe beginnt.
Mehrfach unter Druck – global, national, von Innen und von Außen. Die Krisen der Gegenwart treffen die sozialen Einrichtungen gleich mehrfach. Denn was Kriege, Hitze, Preisschocks und soziale Verunsicherung anrichten, landet früher oder später in Kitas, Beratungsstellen, Pflegeheimen und Frauenschutzhäusern. Doch während die Aufgaben wachsen, wird die Finanzierung der Hilfsangebote unsicherer.
Kriege treiben die Preise, mitunter sprunghaft. Das trifft private Haushalte, aber eben auch soziale Einrichtungen, die Kosten tragen müssen, die bei der Antragstellung oder in Entgeltverhandlungen niemand kannte. In die Beratung kommen Menschen mit zunehmend verwobeneren Problemen. Das kostet Zeit, während die Finanzlage immer wackliger wird: Erst kürzlich weichte der Vermittlungsausschuss von Bundestag und Bundesrat die Kostenfreiheit der Schuldnerberatung auf. Wer eh schon stark überschuldet ist, soll nun auch seine Rettung noch bezahlen?
Dazu kommt die Klimakrise. Je heißer es wird, desto größer der Druck im Kessel, in den Köpfen und in den Körpern. Aggressionen nehmen zu, Pflegebedürftige müssen ans Trinken erinnert, Menschen aus überhitzten Räumen geholt werden, und das mit weniger Personal, weil in der Hitzewelle auch der Krankenstand steigt. Hitzeschutzpläne wollen erarbeitet sein. Dafür braucht es Zeit und Geld, und beides fehlt nur zu oft.
Und neuerdings kommt auch noch Gegenwind von rechts. Unter dem Schlagwort „NGO-Komplex“ wird zivilgesellschaftliches Engagement schlechtgemacht, und über extrem rechte Portale sickert das bis in Alltagsgespräche. Das hat Methode: Wer Ausgrenzung will, mag keine Einrichtungen, die ihr die Stirn bieten. Die Wohlfahrtspflege ist parteipolitisch neutral, aber parteiisch, wenn es um ihre Werte und die Menschen geht, für die sie da ist. Ideologien der Ungleichwertigkeit, wie die AfD sie vertritt, widersprechen dem Wert des Zusammenhalts zutiefst. Die Spitzenverbände haben das zuletzt nach den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt klargemacht.
Unverzichtbar: Resilienz ohne Wohlfahrt gibt es nicht. Zugleich zeigen gerade die Krisen, wie unverzichtbar soziale Einrichtungen sind. Von der Kita bis zur Reha, vom Schwimmkurs bis zur Jugendherberge stiften sie Zusammenhalt und öffnen sich der Nachbarschaft. Im Energiekrisen-Winter 2022 knüpfte Berlin das Netzwerk der Wärme: Mit einem kleinen Zuschuss des Landes weiteten bestehende soziale Orte ihr Angebot aus. Willkommen war, wer sich aufwärmen oder Gesellschaft suchen wollte, ohne Bedürftigkeitsprüfung. Pflegeeinrichtungen mit einem vor Überhitzung geschützten Raum tauchen in kommunalen Übersichten über kühle Orte auf und schützen so auch die Nachbarschaft. Treffpunkte ohne Verzehrzwang und Stadtteilzentren bieten Platz für Gespräche über die eigene Blase hinaus. Wer sich keine Lobbyvertretung leisten kann, findet hier Gehör. Jüngst zum Beispiel beim Armutsgipfel von Diakonie und Paritätischem, bei dem Geschichten vom Leben mit Armut eine Bühne bekamen und Abgeordnete zum Dialog geladen waren.
Wenn von Resilienz die Rede ist, denken viele an Bunker, Vorräte und Verteidigungsfähigkeit. Das hat seinen Platz. Doch eine Gesellschaft, die nach außen gut gerüstet ist, kann von innen mürbe werden. Widerstandskraft gegen Krisen, gegen Hitze, gegen Hetze verlangt auch echten Zusammenhalt, und der fällt nicht vom Himmel. Er will geübt werden, jeden Tag, in der Nachbarschaft, in der Kita, im Pflegeheim, im Tagestreff. Wer sich dort gehört und gehalten fühlt, lässt sich seltener auseinanderdividieren. Soziale Orte, gemeinnützige Einrichtungen und die Fachkräfte der Sozialen Arbeit sind deshalb der Resilienz-Booster im Alltag: Sie trainieren, was im Ernstfall tragen muss. Eine solche Resilienz darf sich nicht auf Einsatzkräfte mit Uniform und Blaulicht beschränken. Sie braucht professionell organisierte Mitmenschlichkeit, jeden Tag, rund um die Uhr. Und auch diese Resilienz muss sicher und stabil finanziert werden.
Dieser Beitrag erschien zuerst am 21. Oktober 2026 auf Table.Media